Hinterland

von Michael Vogtt

Genre: Horrofilm


Story:

Der Wendfelder Wald wäre nach dem Straßenbauprojekt nicht mehr
das, was er ist. Das wollen die selbsternannten Weltverbesserer Stefan, Markus, Sara
und Lena nicht einfach so hinnehmen. Sie ziehen los, um in der Abgeschiedenheit ihre
Sabotage-Aktion (Tree Spiking/Tree pinning) durchzuführen. Doch sie sind dort nicht
so alleine und unbeobachtet, wie sie zunächst glauben. Der abenteuerliche Camping-Trip wird zum Horrortrip.



Copyright © 2017/2020. Alle Rechte vorbehalten. Veröffentlichung
oder Nutzung, auch auszugsweise, ist untersagt.
Diese Filmgeschichte ist fiktiv. Alle Namen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit mit realen Personen ist rein zufällig und nicht
beabsichtigt.

(Für das komplette Drehbuch, hier klicken)

Created with Sketch.


AUFBLENDE:

AUSS. GROSSER, DICHTER WALD - TAG

Irgendwo in der Bundesrepublik ...
Die Ruhe ist dahin. Schlagartig wird die Idylle zerstört,
als das KREISCHEN einer Motorsäge durch den Forst hallt.
Dann ist es ruhig. Nach einem Augenblick ein KNACKEN, ein KNIRSCHEN im Gehölz.
Es schwillt an zu einem splitternden KRACHEN. Ein Baum fällt zu Boden.

AUSS. WALD/WEG - TAG

Aufgewühlte Erde mit tiefen Reifenspuren. Stapel Baumstämme links und rechts des Weges.

AUSS. FELD/STRASSE - TAG

In der Ferne die Silhouette einer Stadt.

AUSS. STADT/BAUMARKT - TAG

Eingangstür mit einem großen Werbeschild darüber: Baumarkt
“XY”. STEFAN, 23, und SARA, 22, gehen über den Vorplatz Richtung Eingang.

STEFAN
Was hat er denn vor?

SARA
Sie schreibt, dass er welche
besorgt. Mit drei Ausrufezeichen.
Hier, schau selbst! Da!

Sara hält Stefan ihr Smartphone hin. Darauf ein Chat-Verlauf.

STEFAN
Von mir aus. Soll mir nachher bloß
nicht einen vorheulen, dass wir keine mitgebracht haben.

Beide sind schnoddrig gekleidet, tragen dunkle Kapuzenpullis, Militärhosen, schwarze Stiefel. Sara blickt auf ihr Smartphone.

SARA
Ich werd’s ihr schreiben.

STEFAN
Mach ruhig.

Sara tippt: Okay. Wissen Bescheid. Smiley.
Und klickt auf senden. Dann geht Sara ins Internet. Ihre
Schritte werden langsamer, bis sie stehen bleibt und gebannt
auf ihr Smartphone blickt.

STEFAN (CONT’D)
Kommst Du jetzt? Sara?
Stefan dreht sich zu Sara um, stoppt. Er wirft ihr einen
genervten Blick zu.

NAH
Saras Smartphone-Display. Ein Satz: Was tun?

SARA
Sicher. Bin schon ... dabei. Was
hast Du gesagt?

Mit schnellen Schritten holt Sara Stefan ein.

STEFAN
Mensch, kannst Du nicht mal eine
Minute ohne? Das wird ja immer
schlimmer.

SARA
Is’ ja schon gut. Entspann Dich
mal.
(stellt sich neben ihn)
Da bin ich schon.

STEFAN
Jetzt lass Dein Smartphone mal für
fünf Minuten aus. Ja?

SARA
Okay. Versprochen.

STEFAN
Das soll mich wundern.

SARA
Wirst ja sehen.

Sara steckt ihr Smartphone weg. Beide gehen durch die
Eingangstür.

INN. BAUMARKT - TAG

Eingangs- und Kassenbereich.

Stefan und Sara trotten durch die Eingangsschranke. Sara
erblickt ein ausgestelltes Pavillion.

SARA
Schau Dir mal das Pavillion da
hinten an. Ist das nicht
hammermäßig?

STEFAN
Cool. Das wäre genau das Richtige
für ‘n Rock Festival.

SARA
Wacken. Rock am Ring.

STEFAN
Yea.

Stefan macht mit der Rechten eine Geste. Zeigefinger und der
kleine Finger von der Faust abgespreizt. “Devil’s Horns.”
Sie verschwinden in der Tiefe des Ganges.

AUSS. STADT/STADTRAND - TAG

Ein stillgelegtes Fabrikgelände. Wildwuchs. Büsche und
Sträucher überwuchern das Gelände.

INN. FABRIK - TAG

Ein unheimliches Labyrinth aus düsteren, verwinkelten Gängen
und Räumen.

AUSS. STADTRAND/VOR DEM FABRIKGELÄNDE - TAG

Ein LOCH im Zaun. MARKUS, 23 und LENA, 22, gleiches
Erscheinungsbild wie Stefan und Sara, schlüpfen hindurch.
Zuerst Markus, der den Maschendrahtzaun ganz gentlemanlike
zur Seite drückt, dann Lena.

MARKUS
Vorsicht! Warte, nich’ bewegen,
ich halt ihn auseinander.

LENA
Jo, danke.

MARKUS
Pass auf, der spitze Draht da.

LENA
Ich seh’ ihn. Kannst jetzt
loslassen.

Lena schlüpft hindurch. Beide sehen sich um.

MARKUS
Ähm, wir müssen da rüber.

Lena scheint sich nicht ganz wohl zu fühlen.

LENA
Was ist, wenn hier jemand
aufkreuzt? Der Besitzer oder so?

MARKUS
Äußerst unwahrscheinlich. Ich hab’
hier noch nie jemanden angetroffen.
Außerdem: Die Fabrik hat man schonvor Weiß-ich-nicht-wie-vielen-
Jahren geschlossen. Die Naturerobert alles Stück für Stück
zurück. Ist das nicht klasse hier?

Verfallene Gebäude. In den Dachrinnen und Mauerritzen
wachsen Birken.

LENA
Ja, echt abgefahrene Lokation. Das
wär’ was für’n Horrorfilm.

MARKUS
Was denn für’n Horrorfilm?

Lena zuckt mit den Schultern.

LENA
Weiß nicht. So wie “Wolfen”
vielleicht. Mit ähnlichen
Kamerafahrten aus der Sicht dieser
Wölfe.

AUSS. STADTRAND/FABRIKGELÄNDE - TAG

Markus und Lena bahnen sich einen Weg durch Distel- und
Brennesselfelder.

MARKUS
Hier geht’s lang!

LENA
Okay.
(streift Distel)
Autsch!!!
Markus dreht sich ruckartig um.

MARKUS
Was ist?

LENA
Ach, hab’ mich nur an ‘ner Distel
gestochen.

MARKUS
Wenn weiter nichts ist.

LENA
Wenn weiter nichts ist? Ich hätte
auch ernsthaft verletzt sein
können.

Lena reibt mit den Fingerspitzen über die Einstichstelle.

MARKUS
Du weist schon, wie ich das gemeint
habe.

Markus und Lena wechseln einen innigen Blick. Sie steuern
auf ein Gebäude zu.

INN. BAUMARKT/GANG - TAG

Werkzeugregal. Stefan nimmt einen Hammer vom Haken/Halter,
wiegt ihn in der Hand. Sara steht hinter ihm.

STEFAN
Hm, der könnte ruhig etwas schwerer
sein.

Unweit ein MANN, Ende vierzig, mit seiner TOCHTER, die etwa
in Saras Alter ist. Ihr Verhalten lässt auf eine gute Vater-
Tochter-Beziehung schließen. Sara sieht die beiden länger
an. In ihrem Gesichtausdruck mischt sich Trauer.

STEFAN (CONT’D)
Ist der nicht zu leicht? Ich weiß
nicht. Sara?

Sara dreht sich zu Stefan.

SARA
Nimm doch einfach einen, der etwas
schwerer ist.

Stefan hängt den Hammer weg und schnappt sich einen ganz
großen.

STEFAN
Schau Dir den mal an. Thors
Hammer.

Stefan macht Faxen. Sara rollt mit den Augen und zeigt auf
einen Hammer.

SARA
Im Vergleich zu Thors Hammer ist
der mickrig. Der da scheint genau
richtig zu sein.

STEFAN
Welcher? Der hier?

SARA
Ja, der.

INN. FABRIKGEBÄUDE - TAG

Eine Tür schwingt KRACHEND auf. Helles Tageslicht fällt
herein. Markus und Lena als SILHOUETTEN.

MARKUS
Hier findet sich bestimmt was.
Wollen wir wetten?

Sie schreiten über die Türschwelle und betreten das Innere.
Es ist gespenstisch düster. Lena schaut sich unwohl um.

LENA
Echt unheimlich hier. Findest Du
nicht auch?

Markus schmunzelt.

MARKUS
Hier ist niemand. Also kein Grund,
um Panik zu schieben.

LENA
Bist Du Dir da sicher?

MARKUS
Ja, absolut. Pass aber auf, wo Du
hinläufst! Hier liegt alles
Mögliche rum.

LENA
Okay, werd’ ich.

MARKUS
Gehen wir zuerst da lang.
Markus eilt voraus.

LENA
Warte, nicht so schnell.

MARKUS
Na los, worauf wartest Du?

LENA
Nur die Ruhe. Ich komm ja schon.

Markus und Lena verlieren sich im Labyrinth aus Räumen,
Gängen und Winkeln.

INN. BAUMARKT/GANG - TAG

Kleinteile-Regal mit Schrauben, Nägeln, Muttern,
Unterlegscheiben, Winkeln usw..
Zwanghafter Griff zum Smartphone. Doch Sara besinnt sich auf
das Versprechen, das sie Stefan gab. Schnell deutet sie auf
eine Box mit Nägeln.

SARA
Nimm ruhig paar größere. Was ist
mit den hier? Die sind dicker.
Schau mal.

STEFAN
Hm, ja, is’ ‘ne gute Idee. Die
halten mehr aus.

Stefan steckt viele Nägel in Tütchen, verwiegt sie. Die
Waage spuckt Klebeetikette aus, die er auf die Tütchen klebt.

SARA
Meinst Du, die reichen auch?

STEFAN
Klar. Allemal. Los, gehen wir
weiter.

Stefan und Sara schlendern den Gang hinunter.

INN. FABRIK/GANG - TAG

Lena geht langsam auf eine Tür am Ende des Ganges zu.

LENA
Wann genau wurde diese Fabrik
eigentlich stillgelegt? Wenn ich
mich hier so umsehe, müsste das
schon einige ...
(bemerkt die Stille hinter
sich)
Markus?
Sie dreht sich um - Markus ist nirgens zu sehen.
LENA (CONT’D)
Markus! Markus, wo bist Du?

Lena geht den Gang zurück.
Ängstlich schaut sie sich um. Plötzlich tritt Markus hinter
einer Ecke hervor.

MARKUS
BUH!!!

Lena stößt einen Schrei aus und zuckt erschrocken zusammen.
Markus grinst.

LENA
Mann, was sollte das?

MARKUS
Ach, komm schon, Spaß muss sein.
Du hättest Dein Gesicht sehen
sollen.

LENA
Echt witzig, Markus. Ich kann da
gar nicht drüber lachen.

Im Vorbeigehen drückt Markus Lena einen Kuss auf den Mund.
Lena schaut ihm hinterher.

MARKUS (O.S.)
Ich schon. Komm, weiter!

 INN. FABRIKGEBÄUDE/HALLE - TAG

Markus und Lena passieren einen großen Raum. Kahle Wände,
Pfeiler, betonierter Boden.

MARKUS
Hier standen früher mal
Webmaschinen. Mh, Dutzende. In
langen Reihen.

LENA
Also war das hier mal eine
Weberrei?

MARKUS
Ja. Genauer gesagt eine Spinnerei
und Weberei. Vermutlich
produzieren die heute im Ausland;
Osteuropa, Tschechien, Polen.

LENA
Wer weiß. Gut möglich.

Lena schaut sich interessiert um.

INN. FABRIKGEBÄUDE/LAGERRAUM - TAG

Eine dunkle Ecke mit Gerümpel. Alles liegt kreuz und quer
durcheinander. Markus und Lena treten näher, lassen ihre
Blicke schweifen. Markus sieht etwas und lächelt.

MARKUS
(deutet in eine Richtung)
Die da sollten es tun.

LENA
Ja. Denke ich auch.

MARKUS
Wieder mal paar Euro gespaart.
(gibt Lena einen Kuss)
Los, fass’ mal mit an.

LENA
Warte, lass uns das Zeugs hier
zuerst einmal wegräumen.
(zieht daran)
So, weg damit.

Lena zieht eine Plane zur Seite. Staub wirbelt durch die
Luft.

MARKUS
Sind noch schön stabil und fest.

Markus bückt sich zu etwas hinunter.

INN. BAUMARKT/GANG - TAG
Sorgfältig arrangierte Gartenmöbel. Stefan bleibt stehen und
rümpft die Nase.

STEFAN
Tropenholz.

SARA
Ja. Erkennt man schon auf den
ersten Blick.

STEFAN
Die Regenwälder können nur gerettet
werde, wenn konsequent darauf
verzichtet wird.

Sara schaut sich die Gartenmöbel näher an. FSC-Gütesiegel
prangen an ihnen.

SARA
Das FSC-Gütesiegel. Aus
kontrolliertem Anbau!

Stefan schüttelt den Kopf.

STEFAN
Ich frage mich: Wer kontrolliert
das, und nach welchen Kriterien?
Wie soll das überhaupt nachgewiesen
werden? Hm?

SARA
Gute Frage. Das weiß der
Gesetzgeber selber nicht.

STEFAN
Ja, traurige Realität. Bürokraten.

Stefan und Sara schlendern weiter.

INN. FABRIK/LAGERRAUM - TAG

Markus hat beide Arme voll mit Brettern. Lena legt noch
welche hinzu.

MARKUS
Die gehen noch, mehr aber nicht.
Ich bin kein Packesel.

LENA
Okay. So, das war’s.

MARKUS
(ein Wink mit dem Kopf)
Nimm Du noch die da mit. Ja?

LENA
Mach ich.
Lena sammelt die Bretter vom Boden auf.

MARKUS
Bringen wir sie zu den anderen.

Plötzlich ein POLTERN aus einem Nebenraum. Markus und Lena
verharren und horchen.

LENA
Ich dachte, hier wär’ niemand?

MARKUS
Vielleicht war das nur ein Tier.

Ein noch lauteres POLTERN!

LENA
(ungläubig)
Ein verdammt großes Tier. Findest
Du nicht auch?

MARKUS
Los, hauen wir ab! Schnell!

Sie schleichen davon.

AUSS. STADTRAND/FABRIKGELÄNDE - TAG

Lena und Markus kommen vom Fabrikgebäude aus herübergelaufen.

LENA
Was hast Du vorhin noch gesagt?
Hier ist niemand.

MARKUS
Hab’ ich auch gedacht.

LENA
Falsch gedacht.

MARKUS
Kann passieren.

Sie verschwinden auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen
sind.

INN. FABRIK/LAGERRAUM - TAG

Eine GESTALT stolpert durchs Halbdunkel. Sie wankt näher.
Müde und betrunken lässt PAUL, 54, Obdachloser, unrasiert,
schmuddelig, seinen Blick durch den Raum schweifen.

PAUL
(lallend)
Hallo, ist da wer? Hallo?

Alles ruhig. Paul dreht sich enttäuscht um und torkelt
davon.

AUSS. STADTRAND/VOR DEM FABRIKGELÄNDE - TAG
Markus befindet sich hinterm Zaun, Lena davor. Durch das
Loch hindurch reicht Markus Lena das letzte Brett. Lena
nimmt es entgegen, legt es neben sich auf einen kleinen
Haufen Bretter.

MARKUS
Das wäre erledigt. Abflug!

Markus schlüpft durch das Loch. Lena versucht die Bretter in
einen kleinen Handwagen zu packen. Sie weiß aber nicht, wie
sie es anstellen soll.

LENA
Wie genau soll ich die denn da
reinpacken? So ‘rum oder so?

Markus tritt an den Handwagen heran. Mit schnellen
Handgriffen verstaut er die Bretter.

MARKUS
Lass mich das mal machen. Das hier
hin, und das da hin. Und dieses
hier, kommt in die Ecke hier. Die
anderen packen wir einfach
dazwischen.
(packt die Bretter
zusammen)
So müssten die halten.
(sieht zu den auf den
Boden liegenden Brettern)
Gib mir bitte mal die Bretter.

LENA
Einen Moment. Hier, da.

MARKUS
Danke.

Als sie alle Bretter auf den Handwagen verladen haben, ziehen
sie von dannen.

INN. BAUMARKT/KASSE - TAG

Stefan und Sara legen ihre Einkäufe aufs Band: Tütchen mit
vielen Nägeln, zwei Hämmer.

Die Kassiererin, BRIGITTE, 51, ordentlich gekleidet, blonde
Haarpracht, scannt die Barcode-Etiketten.

KASSIERERIN
Das macht 37,30 Euro, bitte.
Stefan zückt sein Portemonnaie, ...
KASSIERERIN (CONT’D)
(lächelt freundlich,
schaut zu den Nägeln)
So viele Nägel! Steigt bei Euch am
Wochenende etwa ‘ne Party, mit
Lustige Nagelei?

STEFAN
Lustige Nagelei?!
(versteht)
Ach so, ja, so etwas in der Art.

... zahlt mit einem 50-Euro-Schein. Die Kassiererin gibt ihm
das Wechselgeld zurück.

KASSIERERIN
Schönen Tag noch.

STEFAN
Danke, gleichfalls.

SARA
Ihnen auch.

Die Kassiererin dreht sich kurz mit dem Stuhl zum Ausgang
hin.

KASSIERERIN
Und viel Spaß auf der Party.

STEFAN
Den ... werden wir haben.

Stefan und Sara werfen sich einen Blick zu. Schmunzeln.
Sie gehen zum Ausgang raus.

AUSS. STADT/BAUMARKT - TAG
Stefan und Sara entfernen sich vom Eingangsbereich, und gehen
über den Vorplatz. Sie schmeißen sich weg vor Lachen.

SARA
Lustige Nagelei?!

STEFAN
Ich hab’ zuerst gar nicht
verstanden, was die von mir wollte.
Ehrlich.

SARA
Oh Mann! Lustige Nagelei! Gibt es
das heute überhaupt noch?

STEFAN
Keine Ahnung. Auf ‘nem Bauernoder
Landjugendfest vielleicht.

AUSS. AUSSENBEZIRK/STRASSE - NACHT

BLICK in die Ferne auf die nächtliche Skyline einer Stadt.

AUSS. STADT/STRASSE - NACHT

Verfallene, heruntergekommene Häuser. Müll auf den Gehwegen.
Eine Einfahrt führt in einen dreckigen Hinterhof ...

INN. HAUS/KELLER - NACHT

Am Ende eines dunklen Ganges eine Tür. MUSIK und
STIMMENGEWIRR dahinter. Ein LICHTSCHEIN schimmert unter dem
Türspalt hervor.

INN. KELLER/CHILL-RAUM - NACHT

Man sitzt in kleiner Runde. Stefan und Sara flätzen eng
zusammen auf einem Sofa. Markus und Lena hocken auf nah
aneinander gestellte Sessel, und halten Händchen. Dem
Aussehen nach scheint das Mobiliar vom Sperrmüll zu stammen.

Aus den Lautsprechern einer alten Kompaktanlage dröhnt ein
Punklied mit fragwürdigem Text.
An der Wand prangt eine FAHNE mit der Abbildung eines
Cannabisblattes. Daneben ein Plakat STOPPT DEN WINDWAHN
(drei schwarze Windräder in einem roten Kreis und ein roter
Strich mittendurch) und ein “FICKT EUCH, BULLENSCHWEINEPLAKAT”.
Es wird getrunken und gekifft. Sara hingegen nippt
gelegentlich an ihr Bier; sie pafft auch mehr, als dass sie
den Rauch inhaliert. Nur Lena bemerkt es.

STEFAN
Also, was mich angeht, ich bin
zuversichtlich.
(überlegt)
Ich wette, das wird bestimmt ein
Abenteuer, an das wir uns noch
lange erinnern werden.
(zu Sara)
Na, wie klingt das? Tagsüber die
Seele baumeln lassen. Abends schön
am Lagerfeuer sitzen, relaxen,
einen trinken, einen quarzen.

Sara nickt. Lena und Markus lächeln.

SARA
Ja, das wird cool, denke ich auch.

MARKUS
Ich hab’ mich heute zum letzten Mal
rasiert. Fühl mal.

Lena streicht Markus übers Kinn.

LENA
Ja. Glatt wie ein Babypopo.

Lena und Markus küssen sich. Stefan schmunzelt.

STEFAN
Zum letzten Mal rasiert. Hört sich
an, als würdest Du zu ‘ner
Weltumsegelung aufbrechen.

MARKUS
Auch wenn’s nur paar Tage sind,
werd’ ich mich in dieser Zeit nicht
rasieren. Was dagegen?

STEFAN
Nö. Brauchst Du auch nicht bei
Deinem Fusselbart.

MARKUS
Schau hin und wieder mal in den
Spiegel, Mann.

STEFAN
Bei Dir wächst doch eh nichts.

MARKUS
Aber bei Dir, Ziegenbart. Kann ...

SARA
Kommt, Schluss jetzt.

LENA
Genau.
(zu Markus)
Bleib cremig. Ja?

Ein vorübergehendes Schweigen legt sich über die Runde, bis
Stefan auf einmal an zu grinsen fängt.

STEFAN
Wisst ihr was?
(alle schauen ihn fragend
an)
Wir dokumentieren alles, drehen ein
kleines Filmchen von der Aktion.
Genau.
(zu Lena)
Du hast doch diese Kamera, die von
Tim?

LENA
Ja.

SARA
(zu allen)
Was meint Ihr?

MARKUS
Das ist eine super Idee.

Sara stupst Stefan mit dem Ellenbogen.

SARA
Ja. Da hätten wir schon viel eher
drauf kommen können.

LENA
Den laden wir später im Internet
hoch. Unsere Gesichter machen wir
natürlich unkenntlich.

STEFAN
Auf die Aktion!

MARKUS
Auf die Aktion!

SARA
Auf die Aktion!

LENA
Auf die Aktion!

Die Bierflaschen werden in die Höhe gehoben. Ihre Augen
leuchten vor Begeisterung.

AUSS. AUSSENBEZIRK/DRAUßEN VOR DER STADT - TAG
Ländliche Gegend mit Wiesen und Feldern. Markus, Stefan,
Lena und Sara, jeder mit einem Rucksack auf dem Rücken, gehen
gemächlichen Schrittes die Straße entlang. Lena zieht den
kleinen Handwagen hinter sich her. Er ist voll beladen.
Alle sehen noch ein wenig blass um die Nase aus.
Hinter ihnen in der Ferne die Skyline einer Stadt.

MARKUS
Scheiße, mir ist jetzt noch ein
wenig duselig. Lena, kannst Du mir
bitte mal die Flasche Wasser aus
dem Rucksack geben. Ich hab’ jetzt
keinen Bock ihn abzunehmen.

Lena zieht aus Markus’ Rucksack eine Wasserflasche hervor,
und gibt sie Markus.

LENA
Warte mal, sofort. Hier, Schatzi!

MARKUS
Danke.

Markus nimmt paar Schlucke, und reicht Lena die Flasche.
Lena stopft sie zurück in den Rucksack.

STEFAN
Warum machst Du es nicht wie ich.
Bevor Du aufstehst, nimmste einfach
‘ne Aspirin und schon geht’s Dir
wieder besser.

MARKUS
Tabletten nehme ich nur zu mir,
wenn’s unbedingt sein muss.

STEFAN
‘Ne Aspirin bringt Dich schon nicht
um, Mann.

MARKUS
Die gehen aber auf’n Magen und
verdünnen das Blut.

SARA
Hin und wieder mal eine, hat noch
niemanden geschadet. Die sollen
sogar eine vorbeugende Wirkung
gegen Darmkrebs haben, hab’ ich mal
gehört.

MARKUS
Und wenn schon.

STEFAN
Ihr kennt doch Nils, der an der
Tanke jobt?

SARA
Klar.

MARKUS
Sicher. Was ist mit dem?

STEFAN
Der schluckt Tabletten, als wären
das Smarties. Und der sieht ja
auch noch recht lebendig aus. Zur
Leistungssteigerung nimmt er die,
hat er mal gesagt. Die würden ihn
länger wach halten, und
konzentrierter machen, weil er ja
auch noch studiert.

MARKUS
Fragt sich nur, wie lange er das
noch macht und er hopps geht.

AUSS. AUSSENBEZIRK/PARKLANDSCHAFT - TAG

Wiesen, Felder und kleine zerstreute Wälder, vereinzelte
Bauernhöfe.

AUSS. AUSSENBEZIRK/FELD - TAG

Monoton drehen sich die Rotorblätter der Windkrafträder.

AUSS. AUSSENBEZIRK/STRASSE - TAG

Ein riesiger TRAKTOR mit GÜLLEFASS kommt hinter ihnen die
Straße heruntergedonnert. Die Gruppe tritt nur widerwillig
zur Seite, ganz zum Ärger des Landwirts. Der schüttelt den
Kopf und drückt auf die Hupe.

LENA
Vorsicht, Dreckschleuder von
hinten!

STEFAN
Langsam an, Mann. Nur keine
Hektik. Die Böden der Felder sind
schon überdüngt genug.

MARKUS
Nicht zu vergessen das Nitrat im
Grundwasser. Umweltsünder! Buh!
Pfui!

SARA
Ja, genau! Buh!

LENA
Ganz richtig. Buh!

STEFAN
Giftspritzer! Buh!

MARKUS
Ja! Buh!

Alle signalisieren ihre Ablehnung; jeder streckt seine Hände
aus, und zeigt mit dem Daumen nach unten.
Die Landmaschine braust an ihnen vorbei und donnert dann die
Straße hinunter.
Alle johlen und pfeifen dem Landwirt hinterher.

INN. TRAKTOR/FAHRERKABINE - TAG

Der LANDWIRT, BERND, 54, gekleidet im grünen Overall sowie
grüne Gummistiefel, blickt wütend in den Rückspiegel.

BERND
(erbost)
Jesus, Maria und Josef! Seid Ihr
behämmert? Habt Ihr ‘n Pinn im
Kopf? Chaoten! Saubande!

Der Traktor verschwindet in einer Kurve.

AUSS. AUSSENBEZIRK/FELDER - TAG
Mais- und Kornfelder - so weit das Auge reicht. Im Wind
wiegendes Grün.

AUSS. AUSSENBEZIRK/RASTPLATZ - TAG

“Pfandpirat” KONRAD, 51, schmuddelig gekleidet, fischt eine
Flasche aus einem Mülleimer. Neben sich sein klappriges
Fahrrad, an dessen Lenkrad eine Tragetasche mit Pfandflaschen
baumelt. Als er die Flasche in die Tragetasche stecken will,
erweckt die Gruppe in der Ferne seine Neugier.

AUSS. AUSSENBEZIRK/HIMMEL - TAG

HIÄÄH! Ein Mäusebussard schraubt sich in ruhigen Kreisen in
die Lüfte.

VOGELPERSPEKTIVE

Miniaturlandschaft.

Eine Straße, die durch Wiesen und Felder führt. Auf ihr
wuseln Markus, Stefan, Lena und Sara. An ihrem Ende wird die
Gegend bewaldeter.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - TAG

Die Gruppe kommt die Straße hoch und stoppt. Rundherum tiefe
Waldgebiete. Vor ihnen mündet die Straße in einen
unbefestigten Weg.

LENA
Ich versteh’s nicht. Müssten wir
nicht bald da sein?

STEFAN
Nur die Ruhe, ist nicht mehr weit.
Sara, schaust Du mal eben nach?
Sara zieht ihr Smartphone hervor, tippt zuerst auf das
falsche Icon, dann auf das richtige. Eine Karte (oder Google
Earth) mit einem roten Marker, der den Standort anzeigt,
erscheint auf dem Display.

SARA
Bin schon dabei. Das war die
falsche. Ah, ja. Wir müssen den
Weg da lang.

LENA
Bist Du Dir da auch sicher?

SARA
Eigentlich schon. Wird ja hier
angezeigt.

Markus schaut auf sein Smartphone.

MARKUS
Zur Sicherheit werd’ ich auch mal
schauen.
(tippt auf Display)
Stimmt. Das ist der Weg.
(etwas genervt)
Hm, Scheiße, der Empfang bei mir
wird jetzt schon schlechter.

Der Signalbalken ist schwach. Markus streckt sein Smartphone
in die Luft.

STEFAN
Was haste noch mal für ‘nen
Anbieter?

MARKUS
Aldi Talk; E-Plus.

Stefan rümpft die Nase.

STEFAN
Na ja, da ist Vodafone oder O2
besser.

MARKUS
Aber nicht günstiger.

Sara ist mit ihrem Smartphone beschäftigt.

STEFAN
Mag schon sein. Also, geh’n wir in
die Richtung weiter!
(wirft Sara einen leicht
genervten Blick zu)
Sara, Deine Facebookfreunde halten
es auch mal ohne Dich aus! Na los,
hier geht’s lang. Hey, komm
endlich in die Gänge!

SARA
Bin schon dabei.

STEFAN
Das sagst Du immer.

NAH
Saras Smartphone-Display. Ein Satz: Das kommt für mich
nicht infrage.
Sara steckt ihr Smartphone in die Hosentasche.

LENA
Ein Glück, dass es die letzten Tage
nicht geregnet hat. Dann stünden
auf den Wegen Pfützen und wir
müssten jetzt durch den Matsch
latschen.

MARKUS
Stimmt, das wäre nicht so
prickelnd.

STEFAN
Da wären Gummistiefel angesagt
gewesen.

MARKUS
Hat jemand von Euch Gummistiefel?!

SARA
Nicht das ich wüsste.

LENA
Nä.

STEFAN
Die gab’s letztens bei Aldi und
Lidl im Angebot.

MARKUS
Garantiert mit krebseregenden
Schadstoffen. Nein, danke.

Alle setzen sich in Bewegung und gehen den Weg hinunter.

AUSS. WALD/TANNENWALD - TAG

Hohe Bäume, die in den Himmel ragen. In der Ferne durchquert
die Gruppe das BILD von links nach rechts.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Ein malerisches Waldgebiet. Wohlige Ruhe und
Vogelgezwitscher. Einen Moment lang genießen alle den
Anblick.

STEFAN
(legt seinen Arm um Sara)
Ist das hier nicht fantastisch?

SARA
(gibt Stefan einen Kuss)
Ja, richtig toll.
Stefan legt seine Hände um seinen Mund.

STEFAN
WUHU!!!

Der Ruf SCHALLT durch den Wald.

MARKUS
Kaum vorstellbar, dass hier bald
nichts mehr so sein wird, wie es
mal war.

LENA
Das stimmt mich irgendwie traurig.
Euch nicht?

Die anderen nicken.

STEFAN
Es gibt schon Autobahnen und
Straßen genug. Warum muss
ausgerechnet hier eine durchgebaut
werden?

MARKUS
Weil es noch mehr geben muss,
darum. Die Blechlawine wird in
Zukunft eher zunehmen als abnehmen.

STEFAN
Kein Wunder, dass es in den letzten
Jahren vermehrt zu Überschwemmungen
gekommen ist. Die Bodenversieglung
spielt dabei eine große Rolle.

MARKUS
Durch Landfraß geht jeden Tag eine
Fläche von 90 Hektar verloren.
Muss man sich vorstellen.
Lena überlegt und lächelt.

LENA
Wartet mal, ...

MARKUS
Was hast Du vor?

LENA
... da fällt mir was ein. Stellt
Euch mal alle weiter nach links.
Lena deutet auf eine Stelle.

SARA
Wo hin? Hier?

LENA
Ja, da!
Lena holt eine KAMERA hervor, stellt sie auf einen Baumstamm.
Modus Selbstauslöser.

STEFAN
Stehen wir so richtig?

LENA
Noch ein kleines Stückchen weiter.
Und enger zusammenrücken. Ja, so
ist’s gut. Nicht bewegen, habt Ihr
verstanden?

STEFAN
Okay. Jetzt alle lächeln.

Markus zieht eine Grimasse.

MARKUS
Chees!

Lena wirft Markus einen ernsten Blick zu. Der lässt es
augenblicklich sein.
Stefan, Markus und Sara positionieren sich vor der Kamera.
Lena stellt sich dazu.
Jeder legt seine Arme um die Schulter seines Nachbarn.
Alle lächeln. Knips.
NAH
Unweit ein alter Baum, eine dicke BUCHE. In der Rinde ein
eingeritztes HERZ mit den Buchstaben R + S, in den Jahren
mitgewachsen, verwittert und mit Moos bewachsen.

AUSS. WALD/VERSTECK - TAG

Von einer entfernten Stelle aus sieht man die Gruppe.
JEMAND, der nicht zu erkennen ist, beobachtet sie aufmerksam.

AUSS. WALD/STRAUCH - TAG

Eine Kreuzspinne in ihrem Radnetz.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Die vier stoßen auf eine Lichtung und stoppen.

STEFAN
Wow, seht mal da! Die Stelle hier
ist perfekt. Findet Ihr nicht
auch?

MARKUS
Seh’ ich genau so. Ausreichend
Platz. Die ideale Stelle zum
Campen. Was wollen wir mehr?

SARA
Passt schon.

STEFAN
Sind also alle einverstanden damit?
(die anderen nicken)
Na dann. Worauf warten wir noch?
Lasst uns anfangen.

LENA
(zu Sara)
Hilfst Du mir mal?

SARA
Klar doch.

MARKUS
Ähm, wie sieht das eigentlich mit
Toilette aus?

STEFAN
Jeder sucht sich einen Baum, seinen
Busch.
Sara schaut zu Markus und grinst.

SARA
Was hast Du denn gedacht?!

MARKUS
Na klasse.
Alle legen ihre Rücksäcke ab. Dann fangen Lena und Sara
damit an, den Handwagen zu entladen.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Sanftes RAUSCHEN. Eine Brise streift durch die Blätter der
Bäume.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - TAG

Es ist schon nach Mittag. Sie haben zwei (Zweimann-) ZELTE
aufgeschlagen, und betrachten nach getaner Arbeit ihr Werk.

STEFAN
(zu Sara)
Und was hältst Du von unserem Zelt?

SARA
(verführerisch)
Ich würde jetzt wahnsinnig gerne
mit Dir da reinkrabbeln.

STEFAN
Und was hättest Du dann mit mir
vor?

SARA
Na was wohl?

STEFAN
Ich komm’ heute Abend gern’ drauf
zurück.

Stefan zieht Sara zu sich heran. Sie albern herum, turteln.

SARA
Da hab’ ich keinen Zweifel dran.

STEFAN
Ah, das macht mich so richtig
rattig.

MARKUS
(zu Lena)
Hast Du das gehört?

LENA
Die paar Stunden wirst Du wohl noch
aushalten.

MARKUS
Hab’ ich denn eine andere Wahl?

LENA
Leider nicht.

MARKUS
Siehste.

Markus und Lena küssen sich, Stefan und Sara auch.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Ein Lichtspiel in der Kuppel aus Blättern.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - TAG

Die Feuerstelle ist errichtet. Markus plaziert den letzten
Stein um die flache Mulde. Stefan steht neben ihm.
Ein kleiner Stapel Anmachholz, kleingehackte Stücke aus den
Brettern aus der Fabrik, liegen unweit bereit.
Sara sitzt im Schneidersitz in ihrem Zelt, tippt in ihr
Smartphone.
NAH
Saras Smartphone-Display. Ein Satz: Bei mir kamen Zweifel
auf. Lena hat in ihrem Zelt die Schlafsäcke ausgerollt, und packt
ihren Rucksack in eine Ecke.

STEFAN
Bevor wir was essen, sollten wir
zuerst einmal die Umgebung checken,
‘ne kleine Erkundungstour machen.

MARKUS
Besser jetzt als später. Ich bin
dafür. Bei der Gelegenheit können
wir auch gleich mal schauen, wie
weit die hier schon sind.
(zu Stefan)
Was meinst Du?

STEFAN
Genau. Nicht, dass wir nachher
hier noch ‘ne böse Überraschung
erleben.
(zu Sara und Lena)
Kommt Ihr mit, Sara, Lena? Wir
wollen uns hier mal ‘n bisschen
umsehen.

LENA
Von mir aus. Bin hier fertig.

SARA
Wartet mal, nur einen Moment noch.

STEFAN
Na komm schon.
(ungeduldig)
Sara, bitte!

SARA
Gib mir noch ‘ne Sekunde.
Stefan rollt mit den Augen.
NAH
Saras Smartphone-Display. Ein Satz: Seien Sie sich auch
dessen bewusst, dass niemand Sie dazu zwingen kann.

STEFAN
Immer das gleiche. Wenn Du
rauskommst, mach’ eben noch schnell
den Reißverschluss zu? Ja? Sara!

SARA
Schon klar. Mach’ ich.

LENA
Hätt’ ich fast vergessen.
Lena hängt sich ihre Kamera um den Hals, und kommt aus dem
Zelt gekrochen. Sara tippt noch schnell was ins Smartphone.
Dann kommt auch sie aus dem Zelt hervor.

STEFAN
Können wir jetzt?

SARA
Von mir aus.

LENA
Ich bin startklar.

MARKUS (CONT'D)
MARKUS
Auf geht’s.
Sie stapfen los.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Die Gruppe pirscht durchs Gelände. Eine versteckte WILDTIERKAMERA
macht Aufnahmen von ihr.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Ein fast undurchdringliches Farnkrautdickicht bedeckt den
Waldboden. Wie Säulen ragen die Baumstämme daraus empor und
verlieren sich hoch oben in einem riesigen Blätterdach.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Gut getarnt im Unterholz. Eine zeltartige Behausung aus
Ästen, Zweigen und Laub. In der Ferne bewegen sich die vier
Aktivisten durchs Gelände.

AUSS. WALD/BUCHENWALD - TAG

Eine Atmosphäre von Ruhe und Frieden. Doch der Schein trügt.
Vermessungspunkte, farbig markierte STÄBE mit aufgemalten
(schwarzen) Zahlen, zeugen von einem bevorstehenden Bau.
Verdatterte Blicke seitens der vier Aktivisten.

MARKUS
Keine Waldarbeiter hier, soweit so
gut.

LENA
Die Bäume in diesem Bereich, werden
alle dran glauben müssen.

MARKUS
Wenn die Bäume alle gefällt sind
und die Bagger anrücken, wird’s mit
der Idylle hier vorbei sein.
Endgültig. So viel ist sicher.

SARA
Wisst Ihr was? Hier wird mit
Sicherheit das Teilstück verlaufen.
(deutet mit der Hand an)
Seht ihr! Genau hier durch
verläuft die Autobahn und geht dann
da runter.

STEFAN
Wenigstens wissen wir jetzt, wo wir
genau ansetzen müssen. Film das
mal mit den Vermessungsstäben und
den Bäumen hier, Lena. Ja? Lena?

LENA
Ist gut. Mach ich. Bin schon
dabei.

Lena schaltet ihre Kamera ein, wählt den Video-Modus.
Markus tritt an einen Stab heran, betrachtet ihn. Er will
nach ihm greifen.

MARKUS
Schau Dir den mal an.

STEFAN
Lass ihn stecken! Nicht
rausziehen.

MARKUS
Auch nicht den einen hier?

STEFAN
Keinen. Wir lassen alles so, wie
es ist. Sonst sehen die
vielleicht, dass hier jemand war
und sind vorgewarnt.

MARKUS
Okay. Leuchtet ein.
BLICK durch Kamera. Langsam schwenkt Lena die Kamera durch
den Wald. Ein, zwei Nahaufnahmen von den Vermessungsstäben,
die in schnurgerade Reihen und in gleichmäßigen Abständen
durch den Wald verlaufen, und den vorläufigen Verlauf des
Kahlschlags anzeigen.

STEFAN
Hast Du alles gefilmt, wie ich’s
gesagt hatte?

LENA
Ja, alles drauf.

STEFAN
Gut. Gehen wir da lang weiter.

MARKUS
Na dann.

Sie pirschen weiter.

AUSS. WALD/BACH - TAG

In abenteuerlichen Wendungen schlängelt sich das Gewässer
durch den Forst.

AUSS. WALD/WEG - TAG

Stefan bleibt ganz unerwartet stehen. Und richtet seinen
Blick auf etwas in der Ferne. Die anderen stoppen, drehen
sich mit fragenden Mienen zu ihm um.

MARKUS
Was ist los? Gibt‘s da was
Besonderes zu sehen?
Stefan grinst.

STEFAN
Das habe ich schon lange nicht mehr
gemacht!

MARKUS
Was gemacht?!

LENA
Weiß Du was er meint?

SARA
Nein. Keinen Schimmer.

STEFAN
Kommt einfach mit! Na los, kommt
schon!

MARKUS
Wohin denn, Alter?

SARA
Frag’ ich mich auch.

Stefan hält es nicht mehr; er läuft an den anderen vorbei.
Die folgen ihm mit verwunderten Gesichtern.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG
Stefan kraxelt die Äste einer mächtigen Buche hinauf.
Markus, Lena und Sara, am Fuße des Baumes, schauen hoch.
Unsicherheit in ihren Gesichtern.
Stefan legt eine Pause ein, blickt hinunter zu den anderen.

STEFAN
Na los, worauf wartet Ihr? Habt
Ihr etwa Angst?

MARKUS
Nein. Wie kommst Du denn darauf?
Mir ist einfach nicht gerade
danach, das ist alles.

SARA
Ach, was soll’s. Wenn wir schon
mal hier sind.

LENA
Genau. Rauf mit Dir! Na los!

MARKUS
Na schön. Ich will ja kein
Spielverderber sein.

Sara beginnt, hinauf zu klettern; dann Lena, anschließend

Markus.
LENA
Vorsicht! Das war meine Hand.

SARA
‘Tschuldigung, war keine Absicht.

LENA
Schon gut. Ist ja nichts passiert.

LUFTAUFNAHME

In luftiger Höhe über den Baumwipfeln. BLICK über den Wald.

 AUSS. WALD/BAUMKRONE - TAG

Stefan winkt Markus, Sara und Lena zu sich hoch, die etwas
unterhalb von ihm sind.

STEFAN
Ihr müsst nur noch ein kleines
Stückchen höher. Schaut einfach
selbst.

SARA
Ich komm hier nicht weiter.

Sara versucht, höher zu klettern. Kommt aber nicht weiter.
Stefan zeigt nacheinander auf verschiedene Äste.

STEFAN
Halte Dich an dem Ast da fest. Den
da, Sara! Deinen rechten Fuß
stellst Du auf den drauf! Und von
dem, gelangst Du zu diesem hier.

Sara tut wie ihr gesagt.
NAH
Saras Fuß sucht Halt auf einen Ast.

SARA
Okay. Ich hab’s!

STEFAN
War doch gar nicht so schwer.

SARA
Ihr müsst hier entlang, Lena,
Markus.

LENA
Gut, ich hab’s gesehen.

STEFAN
Noch ‘n Stückchen. Ja, so ist’s
richtig.

Endlich erreichen Markus, Sara und Lena den oberen Teil.

MARKUS
Wie geil ist das denn hier?

SARA
Ist das da hinten nicht ...

STEFAN
Ja, das ist der Wasserturm.

LENA
Die Aussicht hier ist schon hammer.

STEFAN
Das ist sie.

Sie blicken über das Waldgebiet. Eine fantastische Aussicht.

AUSS. WALD/WEG - TAG

Konrad kommt mit seinem Drahtesel langsam den Weg
heruntergerollt. Er stoppt und schaut sich verstohlen um.
In der Ferne hört er das LACHEN und die STIMMEN von den
Aktivisten.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG
Stefan und Markus streifen durchs Gelände auf der Suche nach
Feuerholz.

STEFAN
Irgendwas ist mit Sara. Die ist in
den letzten Tagen so komisch drauf.

MARKUS
Was soll denn mit ihr sein?

Stefan hebt ein Stück Holz vom Boden auf. Da es feucht ist,
lässt er es wieder fallen.

STEFAN
Keine Ahnung. Sie verhält sich
anders als sonst. Ist ruhiger und
ihr Smartphone-Konsum ist noch
größer geworden.

MARKUS
Hm, ist mir gar nicht aufgefallen.
Das mit dem Smartphone schon.
(überlegt)
Und, hast Du sie mal darauf
angesprochen?

STEFAN
Nein, noch nicht.

MARKUS
Weißt Du, das wird schon wieder.
Mach Dir keinen Kopf. Frauen haben
hin und wieder ihre Phasen.

STEFAN
Vielleicht hast Du ja Recht.
(deutet auf dicke Äste
ohne Rinde)
Schau mal, die sehen schön trocken
aus. Was meinst Du?

MARKUS
Ja, die nehmen wir auf alle Fälle
mit. Du nimmst die, ich die.

STEFAN
Okay.
Sie fangen an, dass Feuerholz einzusammeln.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Flacher Tümpel.
NAH
Schwärme von Stechmücken tanzen in der Luft. Im Wasser
zucken und wuseln Scharen von Mückenlarven, hängen
schnorchelnd unter der Wasseroberfläche.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - TAG

Die Abendsonne steht knapp über den Baumwipfeln.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - TAG

Die Luft ist erfüllt vom SUMMEN der Stechmücken.
Währenddessen cremen sich die vier mit Mückenmittel ein.

MARKUS
Boha, die verdammten Mücken hier!
Das werden ja immer mehr.

STEFAN
Es wird Abend. Da kommen die
Biester aus ihren Verstecken.
Warte mal, bis die Stechfliegen
kommen. Dagegen sind Mückenstiche
klein.

Lena cremt Markus den Nacken ein. Markus ist zappelig wegen
den umherschwirrenden Insekten.

LENA
(zu Markus)
Halt still!

MARKUS
Stechfliegen?

STEFAN
Bremsen. Dicke, fette
Pferdebremsen.

SARA
Ja, Pferdebremsen.
(macht Geste)
So groß.

MARKUS
Ich hasse Fliegen.

Markus sieht sich vorsichtig um. Stefan und Sara schmunzeln
sich ins Fäustchen. Lena ist auch amüsiert.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - NACHT

In der Ferne ein LICHTPUNKT, der das Lagerfeuer der Gruppe
ist.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT

Markus kniet vorm Lagerfeuer und legt Holz nach.

MARKUS
Das sollte fürs Erste genügen.

Stefan, Sara und Lena nehmen Platz am Lagerfeuer.

STEFAN
(zu Sara)
Siehst Du den Qualm? Wir setzen
uns besser hier hin.

SARA
Ja, bevor unsere Klamotten nachher
alle nach Rauch und Feuer mieven.

STEFAN
Genau.

Markus tritt vom Lagerfeuer zurück, setzt sich neben Lena
hin. Er lächelt zufrieden.

MARKUS
(zu Lena)
Das ist ein Lagerfeuer, was?
Stefan schielt zu Markus hinüber.

STEFAN
Hiermit ernennen wir Dich zum
Feuermeister.

MARKUS
Ein Feuermeister ist jemand, der
bei der Feuerwehr ist, Du
Vollhorst.

STEFAN
Ups. Stimmt. Wo Du’s jetzt sagst.

MARKUS
Feuermeister!

STEFAN
Grillmeister passt ja auch nicht.
Also wie soll ich Dich nennen?

MARKUS
Grill...

SARA
Ach, hört schon auf damit. Nicht
jetzt!
(blickt ins Lagerfeuer)
So ein Lagerfeuer hat durchaus was
Beruhigendes, finde ich.

NAH
Das prasselnde Lagerfeuer. FUNKEN steigen empor.

STEFAN
Zugegeben, das hat es.

LENA
(zückt ihr Smartphone)
Jau. Ganz richtig. Davon mach ich
am besten gleich ‘n Schnappschuss.
Fertig für die Nachwelt.

MARKUS
Danke.

Stefan steht auf und geht zu einem Rucksack.

STEFAN
Da fehlt noch was.
(kramt im Rucksack herum)
Erst einmal ‘n Bier?

MARKUS
Bring mir eins mit.

LENA
Mir auch.

SARA
Ich nicht, danke.

Stefan reicht Markus und Lena ihre Biere. Dann nimmt er
neben Sara wieder Platz.

STEFAN
Stimmt was nicht? Gestern hat’s
Dir doch noch geschmeckt.

SARA
Ach, hab’ irgendwas mit dem Magen.

STEFAN
Fehlt Dir was? Du wirst doch nicht
etwa krank?

SARA
Weiß nicht, keine Ahnung. Echt.

Lena wirft Sara einen ahnenden Blick zu.

LENA
Wird schon wieder.
Alle starren ins Feuer ...
Einen Moment der RUHE ...
Plötzlich ein SCHNURREN und FLÜGELKLATSCHEN.
Die LAUTE eines Ziegenmelkers hallen durch die Nacht.
Sara rückt näher an Stefan heran, Lena näher an Markus. Den
beiden Männern gefällt das.

SARA
Was war denn das?

LENA
Was fragst Du mich?

STEFAN
Ich schätze mal, irgend so ‘n Eule
oder so.

MARKUS
Nur keine Panik. Es hat sich
unheimlich angehört, ist garantiert
aber harmlos. Glaubt mir.

SARA
Woher willst Du das wissen?

LENA
Genau, woher?

MARKUS
Weil wir uns hier in der Gemäßigten
Klimazone befinden. Darum!
Stefan überlegt und lächelt schelmisch.

STEFAN
Sorgen müsstet Ihr Euch in der
Tropischen Zone machen.
(mit Gesten)
Spinnen, Schlangen, Skorpione,
Sandflöhe, die unter die Haut
kriechen, und fürchterlich jucken;
Käfer, die in die Ohren krabbeln
oder man bekommt plötzlich
Furunkeln und da stecken dicke
Maden einer Dasselfliege drin ...

SARA
Igitt, das ist ja widerlich.

LENA
Pfui, bei dem Gedanke wird einem ja
ganz schlecht.

Die LAUTE des Ziegenmelkers hallen erneut durch die Nacht.
Sara und Lena zucken ängstlich zusammen.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT

Das Legerfeuer glimmt.
Zelt von Markus und Lena. Das Innere ist erhellt.
Hinter der Plane ihre UMRISSE, beim Austauschen von
Zärtlichkeiten.

ZELT VON STEFAN UND SARA.

Das gleiche Bild wie bei Markus und Lena.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - NACHT

Konrad hat sich an die Lichtung herangeschlichen und geht
hinter einem Baum in Deckung. Markus und Lena haben im Zelt
Sex. Ihre Umrisse sind durch die Plane wie ein Schattenspiel
zu sehen. Der Anblick erregt Konrad, seine Hand wandert
Richtung Schritt. Plötzlich ergreift ihn JEMAND von hinten
und rammt ihn ein Messer in den Rücken.
Während die Person Konrad ihre linke Hand auf den Mund presst
und seine Schmerzensschreie erstickt, verschleppt sie ihn in
die Dunkelheit der Nacht. Beim Vorgang bricht ein Ast und
verursacht ein KNACKEN.

 INN. ZELT VON MARKUS UND LENA - NACHT

Markus und Lena beim Sex. Lena ist stark erregt. Markus hat
das KNACKEN vernommen, schaut auf. Beide haben ihre Liebe
unter der Haut verewigt - mit einem Paar-Tattoo.

MARKUS
Was war denn das?!

LENA
Eine Eule. Mach weiter.

INN. ZELT VON STEFAN UND SARA - NACHT
Stefan und Sara streicheln und küssen sich. Saras Gesicht
ist angespannt, besorgt.

SARA
Du, ich muss Dir was sagen.

STEFAN
Was denn?

Stefan küsst und streichelt einfach weiter.

SARA
Hast Du nicht gehört? Ich muss Dir
was Wichtiges sagen!

STEFAN
Was ist wichtiger als das hier?

SARA
Ich bin überfällig.

Stefan unterbricht abrupt seine Liebkosung.

STEFAN
Mit Deiner Periode?

SARA
Nein, mit der Miete.

STEFAN
Mh, zahlt die nicht das Amt?

SARA
Mit was denn sonst, Du Hirni!

Stefan überlegt.

STEFAN
Klar, stimmt. Mhm. Hast Du denn
schon einen Schwangerschaftstest
gemacht?

Sara nickt.

SARA
Positiv.

Stefan nimmt Sara in den Arm.

STEFAN
Wow, das ist ... echt krass.

SARA
Das ist krass?!
(löst sich aus Umarmung)
Ist das alles, was Du dazu zu sagen
hast?!

Stefan denkt nach.

STEFAN
Wir werden das schon irgendwie
schaffen. Da bin ich mir sicher.

SARA
Meinst Du?

STEFAN
Ja. Glaub mir.

In Stefans Gesicht eine Mischung aus Freude und Unsicherheit.

STÖHNEN!
Nebenan kommen Markus und Lena gerade zum Höhepunkt. Sara
schmunzelt, ...

SARA
Süß, nicht?

STEFAN
Ja.

... Stefan auch.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Früher Morgen.
Goldene Morgensonne schimmert zwischen den Baumwipfeln
hindurch.
Nebelschwaden umhüllen die Waldlichtung.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Waldidylle pur, die abrupt durch den WARNRUF, lautes GACKERN,
eines Fasanenhahnes gestört wird. Irgendwas oder irgendwer
hat ihn aufgescheucht.

AUSS. WALD/LICHTUNG - TAG

Es regt sich was in den Zelten.
NAH
Ein Reißverschluss wird geöffnet.

Stefan streckt seinen Kopf aus dem Eingang hervor.
Verschlafen und zerknautscht sieht er sich um.

SARA
Wie spät ist es?
Stefan dreht sich nach Sara um, die sich reckt und streckt.

STEFAN
Kurz nach sechs.

SARA
Ist doch noch früh am Tag.

STEFAN
Wir müssen aber. Du weißt doch,
weshalb wir hier sind?

SARA
Nur noch paar Minuten. Bitte?

STEFAN
Okay. Aber nicht länger.

SARA
Versprochen.

Sara dreht sich müde auf die andere Seite.

AUSS. WALD/LICHTUNG - TAG (SPÄTER)

Stefan sitzt im Schneidersitz auf dem Waldboden und schmiert
und belegt Toastbrot-Scheiben. Markus gesellt sich zu ihm.
Sara und Lena befinden sich in den Zelten.

STEFAN
Du auch eins?

MARKUS
Ja, gerne.

Stefan reicht Markus das Käsebrot. Markus fängt an zu essen.
Sara blickt auf ihr Smartphone. Darauf ihre Facebookseite.

STEFAN
Sara, Lena, wollt Ihr auch schon
was essen?

SARA
Ja, aber nur einen kleinen Happen.
Stefan verdreht die Augen.

STEFAN
Was heißt, einen kleinen Happen?
Eine Scheibe Brot, eine Scheibe
Käse, oder zwei Scheiben Brot, eine
Scheibe Käse?

SARA
Ersteres!

STEFAN
Doch nicht lieber zwei Scheiben
Brot?

SARA
Nein.

LENA
Ich nimm auch was.

STEFAN
(zu Markus)
Hilf mir mal mit dem Frühstück.
(Wink mit dem Kopf)
Im Rucksack sind Tetra Paks und
Becher.

MARKUS
In welchem?
(deutet auf ein Rucksack)
In dem hier?

STEFAN
Ja, genau der.

Markus kramt ein Tetra Pak Eistee und Becher aus einem
Rucksack hervor. Stefan belegt weitere Toastbrote. Sara,
mit ihrem Smartphone in der Hand, und Lena kommen hinzu.

MARKUS
Mir hängt der Magen schon auf den
Knien.

STEFAN
Nicht nur Dir.

SARA
Wo hast Du mein ...

STEFAN
(reicht Sara ihr Brot)
Hier, bitte schön.
(reicht Lena ihr Brot)
Lena!

LENA
Danke.

STEFAN
(zu Sara)
Und alles noch beim Alten bei
Facebook?

SARA
Du wirst nicht glauben, wer sich
jetzt angemeldet hat. Die gute
Jennie.

STEFAN
Sag bloß. Außgerechnet die. Die
hat doch immer Angst gehabt,
gläsern zu sein, NSA und diesen
ganzen Geheimdienstkram.

MARKUS
Geheimdienst?

STEFAN
Ja. Das hatte fast schon paranoide
Züge.

SARA
Ich werd’ ihr gleich eine
Freundschaftsanfrage senden.

STEFAN
Darüber wird sie sich mit
Sicherheit freuen.

SARA
Denk’ ich auch. Die Jennie.
Sie setzen sich im Kreis und essen zusammen.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Während Sara hinter einem Baum hervortritt, knöpft sie die
Hose zu und zieht den Reißverschluss hoch. Mit einem
erleichterten Gesichtsausdruck geht sie davon.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG
Sara streift durchs Gelände. Wo sie auch hinblickt, grünt,
blüht, wächst und gedeiht es. Ein lautes PIEPEN über ihr
weckt ihre Aufmerksamkeit. Hoch oben in einem Baumstamm die
Bruthöhle eines Spechtes. Ein Altvogel stopft hungrige
Mäuler. Das zaubert etwas Fröhlichkeit in ihr Gesicht.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Waldameisen auf Ameisenhaufen. Emsiges Treiben. Ein
Gewimmel aus hin- und hereilenden Insekten.
NAH
Waldameisen kämpfen mit Beutetieren, tragen sie in ihren Bau.

AUSS. WALD/BUCHENWALD - TAG
Ein verhaltenes, rhythmisches SCHLAGEN. In einem durch
Vermessungsstäben abgesteckten Bereich. Stefan und Markus
schlagen Nägel in den Stammfuß/die Wurzelanläufe der Bäume.
Sara schmiert ERDE auf die Einschlagstellen, um sie zu
verdecken. Lena filmt alles mit ihrer Kamera.

STEFAN
Die Nägel immer in einem steilen
Winkel einschlagen.

MARKUS
Schon klar.

STEFAN
Und nach Möglichkeit die Köpfe tief
versenken. Das ist ganz wichtig.

MARKUS
Also nicht überstehen lassen?
Verstehe. Macht Sinn, sonst würde
man die auch sehen.

STEFAN
Genau. Und das wollen wir ja
nicht.

Markus schwingt den Hammer.

MARKUS
Richtig.
(schlägt einen Nagel ein)
Eins, zwei, drei - versenkt! Yea!

LENA
Für die Bäume ist das sicherlich
auch nicht gerade angenehm. Könnte
ich mir vorstellen.

STEFAN
Weißt Du, Nägel aus Eisen schaden
den Bäumen nicht allzu sehr, aber
der Kettensäge der Waldarbeiter.

SARA
Die werden ihr blaues Wunder
erleben, wenn die ihre Sägen
ansetzen.

MARKUS
(hämisch grinsend)
Sollen sie ruhig.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Bäume ragen in den Himmel.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Ein Forstweg durchschneidet ein tiefes Waldgebiet.
Die vier kommen angepirscht. Stoppen.
Stefan deutet auf eine tiefe Fahrspur, die sich in der Erde
gebildet hat. Lena schaltet ihre Kamera ein. Videomodus.

STEFAN
Hier sind die entlang gefahren!
Seht Ihr die Spuren der Reifen? Die
ersten legen wir hier aus. Die
anderen hundert Meter weiter den
Weg runter. Dann sehen wir mal
weiter. Okay?

MARKUS
Ist gut.

LENA
Ja.

STEFAN
Na dann. Ran ans Werk.

Stefan und Markus holen kurze NAGELBRETTER (gefertigt aus den
Brettern aus der Fabrik) aus ihren Rucksäcken hervor. Die
legen sie in die FAHRSPUR, drücken sie fest in die Erde,
verdecken die hervorstehenden Nägel mit Laub und Gras.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - TAG

Ein HOCHSITZ in der Landschaft. JEMAND, dessen Identität
nicht zu erkennen ist, tritt aus der Kanzel, steigt die
Leiter herab. DETAILS der Hände, der Schuhe ...

AUSS. WALD/WIESE - TAG

Lena streift einen Zweig beiseite und tritt aus dem Dickicht.
Vor ihr das Ufer eines Flusses mit einem kleinen Sandstrand.
Sie schaut sich kurz um, um mit einem Lächeln auf dem Gesicht
wieder im Dickicht zu verschwinden.

AUSS. WIESE/FLUSSUFER - TAG - MONTAGE

KLEIDUNGSSTÜCKE und SCHUHE im Sand. In den Schuhen stecken,
zusammengeknüllt, Socken.
Mit den Freudengesichtern kleiner Kinder planschen Stefan,
Markus, Sara und Lena unbeschwert im kühlen Nass des Flusses.

AUSS. FLUSSUFER/SANDSTRAND - TAG

Die vier sitzen im Sand und schauen aufs Wasser. Gemächlich
fließt der Fluss vorbei. Alles ist friedlich. Libellen
taumeln durch die Luft. Jeder raucht genüsslich eine
(selbstgedrehte) Zigarette. Außer Sara. Lena wirft ihr
einen kurzen Blick zu. Stefan macht ein nachdenkliches
Gesicht.

STEFAN
Habt Ihr schon mal darüber
nachgedacht, was es unter Umständen
bedeuten kann, in der heutigen Zeit
Kinder in die Welt zu setzen?

Markus zieht überrascht die Augenbrauen hoch.

MARKUS
Was ist los, Alter? Solche ernsten
Worte kennt man von Dir ja gar
nicht.

STEFAN
Jetzt mal im Ernst. Ohne Scheiß
jetzt.

MARKUS
So direkt noch nicht.
(zu Lena)
Oder?

Markus grinst Lena an. Lena wirft ihm einen ernsten Blick
zu.

LENA
(flüstert)
Hör’ auf damit!

STEFAN
Werden sie womöglich, wenn sie
erwachsen sind, zu billigen
Arbeitskräften von irgendwelchen
gierigen Unternehmern, die ihnen
Hungerlöhne zahlen, damit die noch
reicher werden und in noch mehr
Luxus schwelgen können? Von der
zunehmenden Umweltverschmutzung und
der drohenden Kriegsgefahr bei dem
heutigen Rüstungspotential braucht
man erst gar nicht reden.

Stefan blickt Markus an, dann Sara. Markus ist was bewusst
geworden.

MARKUS
Jetzt verstehe ich. Herzlichen
Glückwunsch, Ihr beiden. Seit wann
wisst Ihr’s?

STEFAN
Gestern Abend.

SARA
Seit paar Tagen.
Lena ist nicht überrascht. Sara bemerkt Lenas Reaktion.

LENA
Hey, ist doch was voll Schönes.

SARA
Findest Du?

LENA
Na sicher. Komm her.
Lena umarmt Sara. Markus packt Stefan und nimmt ihn
spaßeshalber in den Schwitzkasten.

MARKUS
Da mach Dir mal keinen Kopf drum,
Alter. Das wird sich schon alle
regeln. Weißt Du, Du machst Dir
viel zu viele Gedanken.
Hast Du schon immer. Außerdem:
Vielleicht wird Euer Kind ja was
Großes leisten, womöglich die Welt
retten, wer weiß.

STEFAN
Ja, das wäre noch was.
(nach Moment des
Schweigens)
Sollen wir jetzt?

MARKUS
Ja. Lasst uns zurück gehen.
Stefan geht mit Markus voraus, dabei lässt er die
Zigarettenkippe fallen. Sara und Lena folgen ihnen in
einigen Metern Abstand.

STEFAN
In meinem Kopf hab’ ich ständig
diese Gedanken: Bin ich dafür
bereit, Vater zu sein? Können wir
uns das überhaupt leisten? Wie
sieht das mit der Freiheit aus?

MARKUS
Alter, das ist völlig normal, dass
Du Dir Gedanken machst. Die
meisten Männer sind nicht gleich so
euphorisch wie in diesen kitschigen
Hollywood-Schmonzetten. Aber hey,
mal ehrlich, was gibt es Schöneres?

LENA
(zu Sara)
Ich freu mich für Euch. Wirklich.

SARA
Danke. Auch, dass Du es nicht
gleich angesprochen hast.

LENA
Frauen müssen zusammenhalten. Du
weißt doch.

SARA
Stimmt auch wieder.

LENA
Komm, gehen wir.

Als die Gruppe sich aus dem Sichtfeld entfernt, tritt JEMAND
aus dem Dickicht, der mit seiner Schuhspitze die glimmende
Zigarettenkippe zerdrückt. Es ist derselbe Schuh wie zuvor
beim Hochsitz.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALDGEBIET - TAG

Es ist Abend. Die Sonne steht tief am Horizont.

AUSS. WALD/LICHTUNG - TAG
Stefan und Markus sind dabei, dass Lagerfeuer zu entfachen.
Sara und Lena sitzen im Zelt, blicken auf ihre Smartphones.

MARKUS
Das Geheimnis für ein schnell
brennendes Feuer ist dünnes
Anmachholz. Am besten aus
Nadelhölzern, weil die enthalten
entflammbare Harze.

Ein Lächeln stiehlt sich auf das Gesicht von Stefan.

STEFAN
Man könnte ja auch Grillanzünder
oder Spiritus nehmen.

MARKUS
Das kann ja jeder. Außerdem ist
das nicht umweltschonend.

STEFAN
War ja auch nur Spaß.

MARKUS
Ach, so.

STEFAN
Bis jetzt ist alles glatt über die
Bühne gelaufen. Darauf können wir
stolz sein.

MARKUS
Wollen wir hoffen, dass das so
bleibt.

Lena steckt ihr Smartphone weg. Sara wischt über ihr
Smartphone-Display.

LENA
(besorgt)
Du willst es doch nicht wegmachen
lassen?

SARA
Nein, nein, um Himmels willen. Wo
denkst Du hin?
(nachdenklich)
Na ja, auch wenn mir zuerst der
Gedanke gekommen ist, wenn ich
ehrlich bin.

LENA
Es gibt Menschen die wollen ein
Kind, können aber keine bekommen.
Hast Du darüber schon mal
nachgedacht?

SARA
Eigentlich nicht. Schon komisch.

LENA
Ist doch verrückt. So viele Frauen
werden ungewollt und in unmöglichen
Situationen schwanger und werfen
dieses Leben einfach weg. Andere
wünschen sich nichts sehnlicher als
ein Kind, hätten unendlich viel
Liebe, Geborgenheit und Sicherheit
zu geben.

Sara denkt über die Worte nach.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT

Die Gruppe sitzt im Halbkreis um das Lagerfeuer. Bier wird
getrunken. Sara nippt an ihrer Flasche Wasser, wischt über
ihr Smartphone-Display.

SARA
Ich hab’ schon 300 Likes, Leute.

MARKUS
Glückwunsch.

STEFAN
Kein Wunder. So oft wie Du Online
bist, und mit wem Du alles so in
Kontakt stehst.

LENA
Ehrlich. Lass mal sehen.

SARA
Hier, schau. Cool, was?

LENA
Jetzt bin ich irgendwie neidisch.
Markus nimmt einen Schluck, schielt zu Sara rüber.

MARKUS
Worauf denn?

Lena wirft Markus einen ernsten Blick zu.

SARA
Lass gut sein. Ja?

MARKUS
Ich wollte nur damit sagen, dass es
da so viele Profile gibt, deren
Namen nicht real, nicht echt sind.
Wer weiß, was da für kranke Typen
unterwegs sind. Perverse,
Pädophile, Psychopathen. Ach, ist
auch egal.

Markus winkt resigniert ab.

STEFAN
Viele Nutzer verwenden halt ein
Pseudonym, einen Nicknamen.

SARA
Denkt Ihr, ich weiß das nicht?

STEFAN
Wollte ich nur anmerken.

Im Lagerfeuer PRASSELT und KNISTERT das Holz.

SARA
(zu Lena)
Das war jedenfalls ‘ne gute Idee,
dass ich das externe Akku
mitgenommen habe.

LENA
Das Akku meines Smartphones macht
auch sehr schnell schlapp. Scheint
bald den Geist aufzugeben. Mist!

SARA
Da hilft nur ...

Plötzlich Schritte im Unterholz und eine gleißend helle LEDTaschenlampe
flammt auf. Alle Köpfe drehen sich in die
Richtung.

LENA
Ich kann gar nichts sehen, so hell
ist das.

STEFAN
(Taschenlampe erlischt)
H-hallo, wer ist da?!

REIMUND, 57, ein Mann wie ein Bär, tritt aus der Dunkelheit
ins Licht des Lagerfeuers. Er trägt eine Softshell-Jacke und
eine Bundhose sowie dunkle Outdoorschuhe. Bei den
Lichtverhältnissen ist das aber nicht eindeutig zu erkennen.

REIMUND
Was macht Ihr jungen Leute denn
hier? Wollt Ihr etwa den ganzen
Wald niederbrennen?

Stefan zeigt auf den Steinkreis, der das Lagerfeuer einfasst.

STEFAN
Kein Sorge, wir haben die
Feuerstelle gesichert.

REIMUND
Das hab’ ich gesehen, Jungchen.
Ich meinte eigentlich den
Funkenflug!

STEFAN
Ich bin mir sicher, da wird nichts
passieren.
(deutet in Flugrichtung
der Funken)
Außerdem: Von dem Meisten da hinten
wird bald sowieso nichts mehr
stehen.

MARKUS
Und Sie sind?

Für einen Moment verfinstert sich Reimunds Gesicht.

REIMUND
Ich heiße Reimund. Ich bezeichne
mich selbst als einen ... Natur-
Interessierten. Einen Naturfreund.

LENA
Also ein Naturschützer, wie ...
wir?

REIMUND
Ja, ganz richtig. Darf ich?

Reimund tritt näher, deutet auf eine freie Stelle neben dem
Lagerfeuer.

MARKUS
Nur zu. Ein Gleichgesinnter ist
uns immer willkommen. Wir sind ja
schließlich alle für die gleiche
Sache und müssen zusammenhalten.
Nicht wahr?

Stefan, Sara und Lena nicken.

STEFAN
Ich bin Stefan, das ist Markus, und
das sind Sara und Lena.

Reimund setzt sich und schaut in die Runde.

REIMUND
Freut mich. Ihr seid also
Naturschützer, mehr so ...
Aktivisten? Hab’ ich recht?

Sara will was entgegnen, verkneift es sich aber.

STEFAN
Ja, sind wir.

REIMUND
(lächelt)
Ihr seid ein abenteuerliches
Ensemble. Gefällt mir.

Stefan, Markus, Sara und Lena geben sich ein wenig stolz.

STEFAN
Möchten Sie auch eins?

Stefan holt ein Bier aus dem Rucksack ...

REIMUND
Gerne. Eins kann nicht schaden.
Auch wenn mein Hausarzt mir davon
abraten würde.

... reicht es Reimund.

STEFAN
(nimmt wieder Platz)
Hier, bitte schön.

REIMUND
Danke.

Reimund greift sich ein Stück Anmachholz, hebelt den
Kronkorken von der Flasche. Den Kronkorken steckt er in
seine Hosentasche.

AUSS. HIMMEL - NACHT
Sternschnuppen ziehen übers Firmament.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT

Die vier sitzen mit Reimund um das Lagerfeuer herum.

REIMUND
Der Wald hier beherbergt äußerst
seltene Tiere, müsst Ihr wissen.
Viele Leute haben davon überhaupt
nicht mal eine Kenntnis.
(grinst, leise zu sich
selbst)
Hätt’ ich gar nicht für möglich
gehalten, dass es die hier gibt ...

Reimund trinkt einen Schluck.

STEFAN
Was meinten Sie?

REIMUND
Ach, nichts. Nicht so wichtig.
Hab’ nur laut gedacht.
Markus blickt Reimund fragend an.

MARKUS
Welche denn genau?

REIMUND
Das kann ich Dir genau sagen:
Fichtenkreuzschnabel, Pirol,
Seidenschwanz, Dreizehnspecht,
Ziegenmelker ...

SARA
Ziegen-was?

STEFAN
Ein Ziegenmelker ist eine
nachtaktive Schwalbenart. Im
Mittelalter glaubte man, dass er
nachts Ställe aufsuche, um an den
Eutern der Ziegen zu saugen. Daher
auch der Name Ziegenmelker.

REIMUND
Du hast Deine Hausaufgaben gemacht.

Stefan lächelt stolz.

MARKUS
(leise zu Lena)
Hast Du gehört? An den Eutern
saugen.

LENA
(zu Markus)
Halt den Babbel.
(zu den anderen)
Noch nie was von gehört. An was
die damals alles geglaubt haben.

SARA
Man lernt nie aus.

REIMUND
So ist es. Auch wenn man den
Ziegenmelker nur äußerst selten zu
Gesicht bekommt, sind seine Laute
unverkennbar. Es hört sich
ungefähr so an:
(imitierend)
Kuuiik! Guuiik! Quoorrooorrrorrr!
Erreeerreerrreerrreeerr!

Reimund imitiert die Laute verblüffend echt und mit Inbrunst.
Stefan, Markus, Sara und Lena müssen sich zusammennehmen, um
nicht laut loszulachen.

STEFAN
Wow, sehr eindrucksvoll.

MARKUS
Meinen Respekt. Hätte ich nicht
hinbekommen.

SARA
Wartet mal, jetzt wissen wir auch,
was das letzte Nacht für ein Tier
war.

LENA
Ah, ja richtig. Dieses Geräusch
war uns nicht ganz ... geheuer.
Jedenfalls haben wir uns gefragt,
was das wohl gewesen sein mag.

REIMUND
Also habt Ihr ihn hier auch schon
vernommen?

SARA
Scheint so.

Lena nickt. Markus grinst.

MARKUS
Was hab’ ich Euch gesagt? Es war
nichts Gefährliches. ‘N Vogel.
Und Ihr macht Euch fast ins Hemd.

REIMUND
(schaut auf Armbanduhr)
Was, so spät ist es schon. Na
dann. Ich will Euch in Eure Runde
nicht länger stören. Hier, bitte.

Reimund nimmt den letzten Schluck. Er reicht die leere
Flasche Stefan, der sie entgegen nimmt.

STEFAN
Da machen Sie sich mal keine
Sorgen.

MARKUS
Wo denken Sie hin.

Reimund erhebt sich etwas schwerfällig.

SARA
Geht’s Ihnen nicht gut?

REIMUND
Doch schon. Nur mein rechtes Knie
macht mir ein wenig zu schaffen.
Man wird halt nicht jünger.
(schaut in die Runde)
Also, noch viel Erfolg bei Eurem
Vorhaben hier. Und danke fürs
Bier.

STEFAN
Nichts zu danken.

SARA
Gute Nacht.

MARKUS
Ja, tschüss.

LENA
Gute Nacht.

Reimund geht. Die Dunkelheit der Nacht verschluckt ihn
langsam. Stefan wirft Reimunds Bierflasche achtlos an die
Seite. Als Reimunds Schritte im Unterholz nicht mehr zu vernehmen
sind:

MARKUS
Komischer Typ. Andererseits machte
er einen ganz netten Eindruck.

LENA
Ja, fand ich auch.

STEFAN
Scheint sich sehr mit der Natur
auszukennen. Den Eindruck hat er
jedenfalls gemacht.

Sara schaut die anderen überrascht an.

SARA
Sagt mal, ist Euch das nicht
aufgefallen?

STEFAN
Was?

LENA
Wo von sprichst Du?


MARKUS
Schieß schon los!
SARA
Viel Erfolg bei Eurem Vorhaben, hat
er gesagt! Woher weiß er davon?
Hat er uns etwa belauscht?
Verfolgt und beobachtet er uns?

LENA
Hm. Warum sollte er denn? Und
außerdem: Wenn er uns beobachtet
hat, hätte er sicherlich die
Bullen gerufen. Dann wären die
schon längst hier gewesen.

MARKUS
Genau.

STEFAN
Das hat er nur so dahin gesagt,
geraten, vermutet, was weiß ich.
Jetzt werd’ mal nicht gleich
paranoid. Das mit der Autobahn,
weiß ja wohl jeder. Stand auch in
der Zeitung. Erst dieser Vogel,
dieser Ziegen-Dingsbums, und jetzt
fühlt Du Dich auch noch von diesem
Typen verfolgt.

SARA
Ich fand’s nur seltsam, das ist
alles.

MARKUS
Nur die Ruhe! Entspannt Euch mal
alle. Ist doch alles cool. Der
Typ ist auch ein Naturfreund, wie
wir.

STEFAN
Genau.

Sie blicken ins Lagerfeuer.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT

Das Lagerfeuer glimmt schwach. Leere Bierflaschen liegen
verstreut auf dem Boden herum.
Markus und Lena in ihrem Zelt schlafen tief und fest.

INN. ZELT VON STEFAN UND SARA - NACHT

Stefan schlüpft aus dem Schlafsack. Sara öffnet
schlaftrunkend die Augen und hebt den Kopf.

SARA
Was ist los?

STEFAN
Ich muss nur mal pissen, nichts
weiter.

SARA
Mach aber den Vorhang zu. Du
weißt, die Mücken.

STEFAN
Schon klar.

Sara legt ihren Kopf wieder ab, schließt die Augen. Stefan
krabbelt zum Eingang raus.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT
Stefan wankt zum Rand der Lichtung, holt sein bestes Stück
heraus, pinkelt.
Er lässt seinen Blick schweifen.
In der Ferne zwischen zwei Bäumen plötzlich eine dunkle
GESTALT, deren Umriss der Statur von Reimund ähnelt. Stefan
schreckt panikartig zusammen, pinkelt sich fast auf die Füße.

STEFAN
Woha!!! Was zum ...

Als er wieder hinsieht, ist die Gestalt nicht mehr da.
STEFAN (CONT’D)
Ich sollte weniger trinken und
rauchen. Könnte nicht schaden.

Im Glauben, seine Augen hätten ihm nur einen Streich
gespielt, geht Stefan wieder zurück ins Zelt.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - TAG

Ein orangefarbenes Fünkchen zwischen den Bäumen: die
Morgensonne.

AUSS. WALD/WIESE - TAG

NAH
Glitzernde Tautropfen auf Grashalme.

AUSS. WALD/HINTER EINEM BAUM - TAG
Toiletten-Besuch. Markus in der Hocke, die Knie gespreizt,
seine Hose ist bis zu den Knien heruntergeschoben.
Ein leises KNACKEN und RASCHELN in der Nähe lässt ihn unruhig
werden.

MARKUS
Stefan, bist Du das? Stefan!
Scheiße, ausgerechnet jetzt.
(niemand antwortet)
Das ist ganz und gar nicht witzig,
Mann. Weißt Du das? Stefan?

Ein VOGEL fliegt geräuschvoll davon. Markus atmet
erleichtert auf.

AUSS. WALD/LICHTUNG - TAG

NAH
Eine Konservendose RAVIOLI steht in der Glut des Lagerfeuers.
Stefan kniet davor und rührt die Soße um.
Sara und Lena sitzen im Zelt und starren auf ihre
Smartphones. Sara hält Lena ihr Smartphone hin. Darauf
läuft ein Video einer Demonstration.

SARA
Schau Dir das Video mal an. Letzte
Woche in Hamburg. Da ging’s
richtig rund.

LENA
Oh Mann, diese ganzen Assis. Ich
kann die nicht leiden.

SARA
Ohne die scheiß Bullen, hätten die
voll verkackt.

LENA
Ja, Faschos.
(überlegt)
Und freust Du Dich schon drauf?
Auf das Kind, meine ich?

SARA
Ja, sehr.

Markus tritt mit einem erleichterten Ausdruck auf seinem
Gesicht auf die Lichtung.

MARKUS
Endlich hab’ ich’s hinter mir.
Noch länger aufhalten und ich wäre
geplatzt.
(schmunzelt)
Oh Mann, in die Büsche kacken, dass
kannste echt knicken, sag’ ich Dir.

STEFAN
Ein Dixiklo wäre noch was. Oder?

MARKUS
Hier draußen in der Pampa?! Schön
wär’s.

STEFAN
(deutet auf Nagelbretter)
Wir brauchen aber noch paar mehr
davon. Die reichen nicht.

MARKUS
Geduld. Bin schon dabei.

STEFAN
Wollte ich nur gesagt haben.

Markus setzt sich hin. Er nimmt ein kurzes Brett und schlägt
Nägel hinein, so, dass sie auf der anderen Seite wieder
austreten. Als das Nagelbrett fertig ist, legt er es zu
einem kleinen Haufen mit anderen Nagelbrettern.

AUSS. WALD/BUCHENWALD - TAG

Vermessungsstäbe zeigen den Verlauf des Kahlschlags an.
Stefan und Markus schlagen Nägel in den Stammfuß/die
Wurzelanläufe der Bäume. Sara schmiert ERDE auf die
Einschlagstellen. Lena filmt alles mit ihrer Kamera.

STEFAN
Eins kann ich schon mal
prophezeien: Wenn die nicht
höllisch aufpassen, werden die ‘ne
Menge Ersatzketten brauchen.

MARKUS
Ist doch schon ein Teilerfolg.

SARA
Wenn die gerafft haben, was hier
abgelaufen ist, werden die ganz
vorsichtig sein. Das führt zu
Zusatzkosten und eine Verzögerung.

LENA
Ich hab schon die Schlagzeile vor
Augen: Eine schleppende
Fertigstellung verursacht durch
paar Aktivisten. Na, wie hört sich
das an?

MARKUS
Klingt doch gut. Oder?

STEFAN
Klar.

LENA
Mhm.

SARA
Somit hätten wir was erreicht.

STEFAN
Gib mir noch mal Nägel.

Sara reicht Stefan eine Hand voll.

SARA
Hier.

STEFAN
Danke Dir.

Stefan und Sara küssen sich.

AUSS. WALD/WALDGEBIET - TAG

Ein Forstweg durchzieht einen Mischwald. Stefan plaziert ein
Nagelbrett in eine Fahrspur. Markus streut Laub und Gras auf
die hervorstehenden Nägel. Lena filmt mit ihrer Kamera.

STEFAN
Hier werden sie mit hoher
Wahrscheinlichkeit auch die
gefällten Stämme abtransportieren.

MARKUS
Tja, ich denke mal, hier im Wald
‘nen Reifen zu wechseln, wird auch
nicht so einfach sein.

STEFAN
Davon kannste ausgehen.

Alle grinsen.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Der Wind weht durch die Blätter, es rauscht im Geäst.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Die Gruppe streift durchs Dickicht. In der Nähe versteckt
lauert ein mit einem Köder präpariertes FANGEISEN. Ohne es
zu bemerken, gehen sie daran vorbei.

AUSS. WALD/WALDRAND - TAG
Die Gruppe kommt einen Weg herunter. Vor ihnen ragt ein
HOCHSITZ empor.

MARKUS
Schaut mal, ein Todesturm!

Stefan, Markus, Sara und Lena schauen einander an. Ihre
Mundwinkel wandern nach oben. Alle legen ihre Rücksäcke ab.
Lena ihre Kamera.

STEFAN
Also, an die Arbeit.

SARA
Ja, lasst uns loslegen.

LENA
Genau.

MARKUS
Ich bin als erster oben.

STEFAN
Wetten wir nicht?

MARKUS
Werden wir ja sehen.

LENA
Attacke!!!

Alle laufen grölend zum Hochsitz. Nacheinander klettern sie
die Leiter hoch in die Kanzel. Mit den Fäusten trommeln sie
gegen die Wände, schlagen und treten Bretter aus ihnen. Wie
die Vandalen. Pure Zerstörungswut.
Am Ende steht nur noch das Gerippe des Hochsitzes.
Mit vereinten Kräften rütteln sie an den Stützpfeilern,
versetzen den Hochsitz in Schwingung.
Unter JUBELRUFEN und HÄNDEKLATSCHEN kracht der Hochsitz zu
Boden.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Eine Anordnung aus Zweigen, Blättern und Baumstämmen. Das
Gefühl von beobachtet zu werden überkommt einem.
Irgendjemand scheint dort draußen zu sein.

BILDER vom zerstörten Hochsitz mit Stefan, Markus, Sara und
Lena, die hämisch grinsend vor ihm posieren.

AUSS. WALD/WIESE - TAG

Ein blutroter Horizont. Auf der Wasseroberfläche des Flusses
spiegelt sich das Licht der untergehenden Sonne.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT

MUSIK dudelt aus einem Smartphone. Die Gruppe hockt um das
Lagerfeuer herum. Die Stimmung ist ausgelassen. Es wird
Bier getrunken und Joints werden geraucht.
Nur Sara hält in ihren Händen eine FLASCHE Mineralwasser.

SARA
(Reimund imitierend)
Kuuiik! Guuiik! Quoorrooorrrorrr!
Erreeerreerrreeerr! Na, wer oder
was war das?

STEFAN
Warte, lass mich mal raten ... Ein
Ziegenmelker oder ein Waldschrat?

MARKUS
Es war beides!

LENA
Genau.

STEFAN
Ja, richtig. Der erste Preis geht
an den jungen Mann mit den
schulterlangen Haaren.

Alle lachen und klatschen und schauen dann ins Lagerfeuer.

MARKUS
Jedenfalls ist die Aktion hier gut
verlaufen.

SARA
Das ist sie, ja, definitiv.

LENA
Stimmt.

Stefan schielt zu Markus.

STEFAN
Sogar Dein Bart ist in der Zeit
gewachsen. Ist mir heute Mittag
aufgefallen. Zwar nicht allzu
viel, aber man kann es sehen. Wenn
man genau hinsieht - und nur bei
Tageslicht.

MARKUS
Na warte, Dich werd’ ich.
Markus springt auf.

STEFAN
Was ist? Wird man ja wohl noch
sagen dürfen. Oder?

Stefan ergreift die Flucht, läuft ums Lagerfeuer herum.
Markus versucht ihn zu fangen.

SARA
Was soll das? Setzt Euch wieder
hin. Na los!

LENA
Genau. Hört auf mit dem Quatsch!

MARKUS
Noch mal Glück gehabt.

Markus und Stefan nehmen wieder Platz.

INN. ZELT VON STEFAN UND SARA - NACHT

Stefan und Sara im Schlafsack. Sie blicken nachdenklich an
die Decke des Zeltes.

SARA
Du weißt, dass unser Leben so nicht
weiter gehen kann. Jetzt, wo
Nachwuchs unterwegs ist.

STEFAN
Mhm, wird allmählich Zeit, dass wir
unser Leben auf die Reihe bekommen,
ein geregeltes Leben führen.
Sara nickt, überlegt.

SARA
Wir könnten ja immer noch bei
meinen Eltern einziehen.
Platz ist genug vorhanden. Das
Angebot steht nach wie vor.

STEFAN
Ich müsste mir dann nur noch einen
Job suchen.

SARA
Ja, das wäre die Bedingung, mein
Vater ist da standhaft. Der hat
seine Überzeugung. Du kennst ihn
ja.

Stefan schmunzelt.

STEFAN
Wie hat er mich mal genannt? Einen
langhaarigen Bombenleger?

SARA
Ja, einen langhaarigen Bombenleger.
Genau so.

Stefan und Sara sinnieren.

STEFAN
Wie lange hast Du schon keinen
Kontakt mehr mit ihnen?

SARA
Seit drei Jahren.

Saras Gesicht drückt Trauer aus.

INN. ZELT VON MARKUS UND LENA - NACHT

Markus und Lena in ihren Schlafsäcken.

LENA
Weißt Du was?

MARKUS
Nä, was denn?

LENA
Jetzt werden wir demnächst noch
Patentante und Patenonkel.

MARKUS
Davon können wir mal ausgehen.

Markus überlegt und blickt schmunzelnd zu Lena.

MARKUS
Tante Lena.

LENA
Onkel Markus.

Sie lächeln erfreut.

INN. ZELT VON STEFAN UND SARA - NACHT
Stefan schläft. Sara tippt in ihr Smartphone:
Hallo Mama, ich hoffe, Dir und Papa geht es gut. Ich weiß, es
ist lange her, dass ich was von mir hören lassen hab...

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT
Das Lager ruhig und friedlich im Mondschein.

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - NACHT

JEMAND bewegt sich mit leisen Schritten auf die Zelte zu.
Das Lagerfeuer glimmt schwach vor sich hin.

INN. ZELT VON STEFAN UND SARA - NACHT
Stefan und Sara schlafen tief und fest.

INN. ZELT VON MARKUS UND LENA - NACHT
Ebenso Markus und Lena.

INN. ZELT VON MARKUS UND LENA - NACHT

Die SPITZE eines Messers dringt langsam durch die Zeltplane.
Durch den entstandenen Schnitt wird ein SCHLAUCH geschoben.
Aus ihm strömt ein GAS, der sich im Zelt ausbreitet.

INN. ZELT VON STEFAN UND SARA - NACHT

Verschwommene Sicht. JEMAND macht sich an den Reißverschluss
des Zelteingangs zu schaffen.
NAH
Die Zähne des Reisverschlusses öffnen sich, einer nach dem
anderen.
Der Vorhang wird langsam zur Seite geschoben. Im Eingang in
geduckter Haltung Reimund, kaum zu erkennen; wegen des Gases
ein Tuch über Mund und Nase gezogen.

INN. ZELTE - NACHT

Alle vier liegen besinnungslos in ihren Schlafsäcken.

SCHWÄRZE
Geräuschvolle SCHRITTE, angestrengte ATEMGERÄUSCHE, Laub
RASCHELN, Zweige KNACKEN...

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG - RÜCKBLENDE
Die alte, dicke Buche mit dem Herz und den Buchstaben R + S.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - TAG - RÜCKBLENDE
JEMAND hat ein HERZ mit den Initialin R + S in die Rinde
eines Baums geritzt. Reimund, helles Hemd, braune Hose, als
16-Jähriger, vollendet sein Werk, macht den letzten Schnitt.
Dann klappt er sein Taschenmesser zusammen, steckt es in die
Hosentasche. Ein gleichaltriges MÄDCHEN, SUSANNE, helles
Hemd, kurzen Rock und Leder-Sandalen, lächelt erfreut und
fährt mit den Fingerspitzen über die Buchstaben. Junge
Liebe.

INN./AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - TAG - RÜCKBLENDE

Reimund mit der gleichaltrigen jungen Dame. Sie küssen sich.
Er wird zudringlicher, fasst ihr an die Brüste und in den
Schritt. Das geht ihr zu weit, und sie drückt ihn von sich
weg. Aber Reimund lässt nicht locker und läuft ihr
hinterher. Er holt sie ein. Es kommt zum Streit, bei dem er
sie zu Boden stößt, und sich rittlings auf sie drauf setzt.
Genau in diesem Moment verspührt Reimund eine ungeheure
Erregung. Er legt ihr seine Hände um den Hals und drückt zu.
Als Reimund ihr den letzten Rest Leben aus dem Körper presst,
funkelt in seinen Augen etwas Böses.

AUSS./INN. AUSSENBEZIRK/WALD - NACHT - RÜCKBLENDE

Scheinwerferlichter leuchten auf. Ein Auto kommt den
einsamen Weg heruntergerollt. Reimund (in den Vierzigern)
sitzt am Steuer. Auf dem Beifahrersitz hockt dösend ein
junger Mann, MIRKO, 19. Ein Diskotheken-Stempel auf seinem
Handrücken. In der Brusttasche seiner Jacke eine Bierdose.
Abrupt tritt Reimund auf die Bremse, Mirko kommt zu sich.
Sein Blick ist glasig, angetrunken.

MIRKO
Was, was ist, sind wir schon da?!

REIMUND
Endstation, mein Junge.

Mirko blickt verwundert durch die Windschutzscheibe.

MIRKO
Wo sind wir hier? Das ist doch
nicht ... Das ist jetzt ‘n
schlechter Scherz?

Mirko beschleicht eine dunkle Ahnung. Ängstlich blickt er
Reimund an. Reimunds Grinsen wird breiter und teuflischer.

REIMUND
Haben Deine Eltern Dich nie davor
gewarnt, zu trampen? Hm? Nicht in
das Auto von Fremden zu steigen?

MIRKO
Doch schon, aber ... Ist das hier
jetzt versteckte Kamera, oder so?
Sie machen mir echt Angst, Mann.

REIMUND
Hättest Du besser mal auf Deine
Eltern gehört, Jungchen. Da
schauste jetzt dumm aus der Wäsche,
was?

Schon kassiert Mirko einen Treffer. Und noch einen. Blut
quillt aus einer Platzwunde in seinem Gesicht.

RÜCKANSICHT vom Auto. Durch die Heckscheibe sieht man
Reimund auf Mirko einschlagen.
Der Kampf lässt den Wagen schaukeln, bis es schließlich
aufhört und Stille eintritt.
Nach einer Weile geht die Fahrertür auf. Reimund steigt aus,
sieht sich vergewissernd um; nebenbei wischt er sich seine
blutverschmierten Hände an einem Lappen ab.

AUSS. WALD/GRUBE - NACHT - RÜCKBLENDE

Reimund steht am Rand, teuflisch grinsend. Er blickt hinab
auf Mirko, der bewusstlos in der Grube in einer sargähnlichen
Kiste liegt.


REIMUND
Angenehmen Aufenthalt wünsch’ ich!

Er knickt ein Knicklicht und wirft es zu Mirko in die Kiste.
Dann schließt er den Deckel und fängt an, die Grube
zuzuschaufeln.
Man HÖRT wie Sand auf den Deckel geschaufelt wird.

 INN. IM WALDBODEN - NACHT - GEGENWART

Sargähnliche Kiste. Stefan im phosphoreszierenden Schein
eines Knicklichts. Wie ein Verstorbener, der seine letzte
Ruhe gefunden hat. Nur, dass seine Hände nicht auf seiner
Brust gefaltet, sondern die Handgelenke mit Klebeband
umwickelt sind.
Stefan kommt zu sich. Die Enge versetzt ihn in Panik, doch
nach einer Weile bringt er seine Angst unter Kontrolle.
Lockere Walderde, die durch Astlöcher und Ritzen der Bretter
rieselt, verraten Stefan, dass er sich nur knapp unter der
Oberfläche befinden muss.
Sofort beginnt er mit ruckenden Bewegungen das Klebeband zu
lockern und zu dehnen.

 INN. WALDBODEN/SARGÄHNLICHE KISTE - NACHT
Stefan windet seine Hände aus der Fessel und streift sie ab.
Als er mit dem Knicklicht herumleuchtet, findet er ein
verbogenes BRILLENGESTELL und GLÄSER; ihm fallen KRATZSPUREN
und künstliche FINGERNÄGEL auf, die im Holz stecken.
Ohne Zweifel, hier drin waren schon zuvor Menschen gefangen.
Reimund muss ein Serienmörder sein.
Fest entschlossen, hier rauszukommen, sucht Stefan nach einer
Möglichkeit.
Die bietet ein ASTLOCH, durch das er einen Finger steckt.
Das Holz der Kiste ist schon alt und morsch. Nach und nach
bricht er Stücke aus dem Brett, bis ein Loch im Deckel der
Kiste entstanden ist.
Nun hat Stefan einen Ansatzpunkt.
Zuerst bricht er ein Ende des Brettes aus dem Deckel. Dieses
benutzt er als Hebel, um weitere Bretter zu lösen. Erde
rutscht von oben hinein. Stefan rückt zur Seite, verteilt
sie in der Kiste, bis keine Erde mehr nachrutscht.
Fast kein Platz mehr in der Kiste. Stefan zwängt sich zur
Öffnung.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - NACHT

NAH
Stefans rechte HAND kommt aus dem Boden.
Dann schält er sich aus dem Erdreich, schüttelt Erde und Laub
aus Haaren und Kleidung.
Stefan schnappt nach Luft, röchelt und hustet.

Stefan sieht sich orientierungslos um, und wählt eine
Richtung.

AUSS. WALD/TANNENWALD - NACHT

Der Vollmond schaut zwischen Wolken hindurch. Stefan
schleicht durchs Unterholz, als plötzlich ein kurzer,
verhaltener SCHREI seinen Blick in eine Richtung reißt. Das
veranlasst ihn einen neuen Weg einzuschlagen.
Nach kurzer Wegstrecke vernimmt Stefan die leisen STIMMEN von
Sara und Reimund.

SARA (O.S.)
Nein, aufhören. Warum tun Sie das?

REIMUND (O.S.)
Sei still! Auf der Stelle! Hast
Du verstanden?

SARA (O.S.)
Sie sind krank, Mann.

Zuerst lauscht er neugierig, dann geht er ihnen nach.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - NACHT

Stefan geht vorsichtig hinter einem Erdwall in Deckung. Vor
sich, in einer Bodensenke, sieht er Sara, die mit dem Rücken
an einem PFAHL steht, wehrlos und gefesselt. Reimund, in
eine Art Jägertracht, hält ihr ein JAGDMESSER unter die Nase.

REIMUND
Ich werd’ mich nicht noch einmal
wiederholen. Klar? Solltest Du
erneut schreien, brech’ ich Dich
auf wie ein Stück Wild. Aufbrechen
bedeutet in der Jägersprache
ausweiden. Vom Brustbein bis
hinunter zur Kloake.

Reimund lässt die Messerspitze kratzend über Saras Unterhemd
fahren, beschreibt den Verlauf des Schnitts vom Brustbein bis
hinunter in den Schritt. Tränen laufen Sara die Wangen
herunter.

SARA
Ja, ich werd’s nicht noch mal
machen, ich versprech’s. Ich
versprech’s.

Ängstlich blickt Sara Reimund an.

REIMUND
Also, wer seid Ihr? Welcher
Organisation hört Ihr an?

SARA
Was?! Wir zu einer Organisation?!
Wie kommen Sie denn da drauf? Nie
im Leben.

Reimunds Blick ist irre und seine Augen sind voller
Misstrauen.

REIMUND
Willst Du mich auf den Arm nehmen,
junge Dame? Seh’ ich für Dich wie
ein Dummkopf aus?

Reimund drückt Sara das Messer an den Hals, so dass es in die
Haut schneidet. Sara wimmert, beißt die Zähne zusammen.

SARA
Nein, nein, ich schwöre es. Ich
schwör’s. Bitte, hören Sie auf
damit.

In Reimunds Augen funkelt etwas Böses auf.

REIMUND
Ich weiß genau, wer Ihr seid.
Militante Wichser. Linkes
Gesindel.
(voller Hass)
Mit Euresgleichen hatte ich schon
früher zu tun. Vor Jahren war ich
mal zu einer Jagd eingeladen. Als
wir Jäger zurück zu unseren Autos
wollten, standen an einem Weg
Jagdgegner Spalier. Die haben uns
bespuckt und uns als Mörder
beschimpft. Als seien wir
irgendwelche Kriminelle, die gegen
Gesetze verstoßen hätten. Und am
Ende wartete noch eine dicke
Überraschung auf uns: Die Reifen
unsere Autos hatten sie auch noch
zerstochen! In Wahrheit hatten die
eine Straftat begangen, nicht wir!

Sara sieht Stefan, als er über den Erdwall lugt. Sie
versucht, sich nichts anmerken zu lassen.

REIMUND (CONT’D)
Sag’ mal, hörst Du mir überhaupt
zu? Ist da hinten was, was
wichtiger ist?!

Reimund dreht sich kurz um. Stefan duckt sich.

SARA
Nein. Ich dachte nur, ich hätte da
was gesehen.

REIMUND
Deine Augen sind total verheult.
Sie spielen Dir nur einen Streich.
Nichts weiter. Niemand ist hier,
der Dir helfen könnte.

Stefan hebt ein Stück Holz vom Boden auf, und wirft es so
weit weg, wie er nur kann. Der Aufprall lässt Reimund
misstrauisch herumfahren.

REIMUND (CONT’D)
Keinen Ton! Du weißt ja, was ich
dann mit Dir anstellen werde?
Nicht vergessen: Ich bin ganz in
der Nähe.

Reimund verschwindet im Dickicht. Kurz danach verlässt
Stefan seine Deckung und kommt zu Sara geschlichen.

SARA
Hey, wo kommst Du jetzt nur her?

STEFAN
Erklär’ ich Dir später.
(schaut sich die Fesseln
an)
Lass mal sehen. Weißt Du, was mit
Markus und Lena ist?

SARA
Keine Ahnung. Du, wir, wir müssen
sofort die Polizei rufen. Die
müssen diesen Irren stoppen.

STEFAN
Ich weiß, aber dazu bräuchten wir
ein Handy.

SARA
Mach’ mich los, schnell!
(ungeduldig)
Los. Beeil Dich.

STEFAN
Schhht!!! Nicht so laut. Hörst
Du? Sei leise.

Sara zerrt an ihren Fesseln.

SARA
Na mach schon.

STEFAN
Halt still. Das sitzt aber ganz
schön stramm drum.

Stefan beginnt, die Fesseln zu lösen. Schafft es zum Teil
auch. Plötzlich ein KNACKEN im Unterholz. Reimund kommt
zurück. Stefan schaut sich ängstlich nach einem Versteck um.
Er findet eins und geht eilig in Deckung. Von da aus
beobachtet er Reimund.
Reimund fuchtelt spielerisch mit dem Messer herum. Sara ist
vor Angst wie gelähmt.

REIMUND
Da bin ich wieder. Tja, war
wahrscheinlich nur ein Waschbär.
Seit zwei Jahren haben wir die hier
im Revier. Auf den ersten Blick
pussierliche Tiere, in Wahrheit
ausgebuffte Räuber. Sie gehören
nicht hierher, musst Du wissen.
Sie zählen zu den eingeschleppten
Arten, zu den invasiven Arten.
Genau wie Euresgleichen. Trotz
Gegenmaßnahmen breiten sie sich
immer weiter aus. Mittlerweile
gibt es sie schon in mehreren
Bundesländern.
(teuflisch grinsend)
Weiß Du was? Dem muss Einhalt
geboten werden, da hilft nur was
ganz Drastisches.

Reimund führt sein Messer ans rechte Ohr von Sara - und
schneidet es mit einem schnellen Schnitt ab. ZACK! Das Ohr
fällt zu Boden. Sara erstarrt vor Entsetzen. Augen und Mund
weit aufgerissen.
Stefan hat sich von hinten an Reimund herangeschlichen, mit
einem dicken Knüppel.

STEFAN
NEIN!!! AUFHÖREN!!!

Doch Reimund weicht dem Schlag geschickt aus.

REIMUND
Sieh mal einer an. Die Ratte ist
aus der Kiste entkommen. Da hab’
ich gerade doch richtig gehört.
(überlegt)
Ich hätte es besser wissen müssen.
Eine gewisse Nachlässigkeit hat
sich eingeschlichen. Das darf
nicht noch mal passieren.
(grinsend)
Aber der Aufenthalt darin, war
bestimmt beflügelnd.

Reimund lächelt hämisch. Stefan hat den Knüppel drohend
herhoben.

STEFAN
Was sind Sie nur? So ein kranker
Psycho-Typ? Scheiße noch mal!

Reimund lächelt selbstzufrieden.

REIMUND
Wirklich edelmütig wie Du Deiner
Freundin hier zur Seite stehst.
Respekt. So etwas habe ich von Dir
nicht erwartet. Ich hätte eher
damit gerechnet, dass Du das Weite
suchst. Es der Polizei überlässt,
das zu regeln.
(überlegt)
Wie dem auch sei, wollen wir mal
sehen, aus was für einem Holz du
geschnitzt bist.

Reimund versetzt Sara einen Schnitt.

SARA
(schmerzvoll)
AUA! Stefan!

STEFAN
Was soll das?! Sie sind doch
völlig verrückt, Mann!

Reimund versetzt Sara erneut einen Schnitt. Und noch einen.

SARA
(schmerzvoll)
AUA! Nein, nicht! Stefan!

REIMUND
Los, unternimm was dagegen.
Hindere mich daran. Beschütze
Deine Freundin. Na los, Du liebst
sie doch.
(eindringlich)
Oder muss ich die Haut Deiner
Freundin erst in Streifen schneiden
und ihr sie vom Leib ziehen?

Reimund versetzt Sara einen letzten Schnitt. Stefan umfasst
den Knüppel mit einem festen Griff.

STEFAN
Sie kranker Dreckskerl! Ich werd’s
Ihnen noch zeigen.

REIMUND
Wirst Du das?
(grinsend)
Hätte ich mir etwa diesen ganzen
Spaß hier entgehen lassen sollen?

STEFAN
Wovon quatschen Sie da? Sie sind
doch gaga, Mann!

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG - RÜCKBLENDE

NAH
Ein Vermessungsstab. Nur unweit davon steht Reimund (in
Jägertracht) in einer knietiefen Grube. Er hat etwas mit dem
Spaten freigelegt, und stellt ihn beiseite.
Menschliche Knochen, ein Schädel, verottete Kleidungsstücke
ragen aus dem Sand. Eine LEDER-SANDALE macht klar, dass das
die sterblichen Überreste des 16-jährigen Mädchens sind.
Plötzlich der WUHU-RUF von Stefan. Reimund duckt sich
augenblicklich.

Als Reimund Stefan, Markus, Sara und Lena in der Ferne
ausgemacht hat, zieht er ein FERNGLAS hervor.
Durch das Fernrohr beobachtet Reimund die Gruppe. Dann nimmt
er es von den Augen.
Sein Blick ist durchdringend, als die Truppe weiterzieht und
er ihr hinterher schaut.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG - RÜCKBLENDE
Ein einsamer Forstweg mit einem parkenden Geländewagen.
Reimund legt einen SACK in den Kofferraum und schließt die
Kofferraumklappe.
Danach schaut er sich mehrmals vergewissernd um, bevor er
sich hinters Lenkrad setzt.
Als er den Schlüssel ins Schloss steckt, hält er inne. Sein
nachdenklicher Gesichtsausdruck zeigt, dass in ihm seine
dunkle Seite geweckt wurde.

Ein teuflisches Lächeln huscht über sein Gesicht.
Dann dreht er den Zündschlüssel um und fährt ab.

AUSS. HORIZONT - TAG - GEGENWART

Morgengrauen. Lichtstreifen über dem Horizont.

AUSS. WALD/TANNENWALD - TAG

Für einen Moment stehen Reimund und Stefan still da, schätzen
ihr Gegenüber ab, warten auf den richtigen Moment.

Dann setzen sie sich in Bewegung.
Reimund und Stefan umkreisen den Pfahl. Mal im
Uhrzeigersinn, mal gegen ihn.
Stefan führt einen ungelenkten Schlag gegen Reimund aus,
Reimund duckt sich und huscht unter den Knüppel hindurch.

REIMUND
Was war das denn? Wird das hier
Ringelpiez mit anfassen?
(verletzt Sara mit dem
Messer)
Du sollst was dagegen unternehmen!

Reimund führt einen Stoß nach Stefan aus; Stefan kann ihn nur
knapp abwehren.

REIMUND (CONT’D)
Vorsicht, Junge.

STEFAN
Sie geisteskranker Irrer.

Stefan ist von Reimunds Wendigkeit überrascht. Doch er will
nicht aufgeben.
Reimund tänzelt, plötzlich schnellt seine Rechte nach vorne.
Ein Treffer. Stefan schaut an sich herab. In seinem
Unterhemd klafft ein Schnitt. Darunter kann man die Haut
sehen.
Stefan blickt kurz zu Sara, sieht ihre Verletzungen und ihre
Verzweiflung. Seine Wut wird größer.

Reimund weicht geschickt den Knüppelschlägen von Stefan aus.
Als er sich rückwärtsgehend von Stefan weg bewegt, vorbei an
Sara, tritt die mit ihrem Fuß gegen einen Stock. Der fliegt
Reimund zwischen die Beine. Reimund stolpert rückwärts und
fällt mit einem dumpfen RUMS zu Boden.
Stefan sieht eine Chance und stürmt zu Reimund.
Auf dem Rücken liegend wehrt Reimund zwei seitliche Schwinger
von Stefan ab. Stefan ist voller Wut und Hass. Der dritte
Schwinger schlägt Reimund das Messer aus der Hand.
Nun holt Stefan zum Schlag nach hinten über seinen Kopf aus,
doch Reimund bekommt den Knüppel zu fassen, als dieser auf
ihn niedersaust. Blitzartig zieht er Stefan zu sich ran und
packt ihn.
Stefan und Reimund wälzen sich kämpfend über den Boden, bis
schließlich Reimund sich rittlings auf Stefan setzt. Jetzt
setzt Reimund die Fäuste ein. BUMM! BUMM! Eine Linksrechts-
Kombination, dann schlägt Reimund Stefans Hinterkopf
mehrmals fest auf den Waldboden.

Stefan ist benommen.
Jetzt legt Reimund ihm seine kräftigen Pranken um den Hals
und drückt zu, so fest er kann. Stefans Gesicht wird rot wie
eine Tomate, die Venen an der Schläfe treten hervor.
Reimund zeigt breit grinsend seine Zähne.

REIMUND
So ein Zweikampf ist was ganz
anderes, als auf Demos mit Steinen
und Molotowcocktails werfen, was?
(voller Verachtung)
Nur in der Menge seid Ihr stark.
Selbstgerechte Naturen. Parasiten.
Für Randale ist Euch jeder Anlass
recht. Jeder!

Sara sieht das Messer auf den Boden liegen und streckt ihr
linkes Bein danach aus. Sie kann es mit dem Fuß gerade so
eben erreichen - und es nach Stefan kicken.
In letzter Sekunde und mit knapper Not gelingt es Stefan,
dass Messer zu ergreifen und es Reimund in den Leib zu
rammen.
Für einen Moment schauen sich Stefan und Reimund an.
Reimunds Augen sind weit aufgerissen, genau so wie sein Mund,
aus dem ein schmerzerfüllter ÄCHZER entweicht.
Schockiert lässt Stefan das Messer los.
Reimund fällt zur Seite und bleibt regungslos liegen.
Stefan rappelt sich auf und befreit Sara vom Marterpfahl.

STEFAN
Wir hauen jetzt besser ab hier.

SARA
Ist er tot?

Stefan dreht sich zu Reimund um. Der rührt sich keinen
Millimeter.

STEFAN
Ich denke schon.

SARA
Was ist mit Markus und Lena?

STEFAN
Ich weiß es nicht. Zuerst einmal
müssen wir die Polizei
verständigen. Die werden da mehr
machen können. Los jetzt, komm!
Sie laufen los.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG
Die Sonne schiebt sich über den Horizont. So schnell wie sie
können, laufen Stefan und Sara zwischen den Bäumen hindurch.

SARA
Wo sind wir hier?

Stefan schaut orientierungslos umher.

STEFAN
Ich hab’ keine Ahnung.

SARA
Es muss doch hier irgendwo einen
Weg geben.

STEFAN
Nur wo?

SARA
Das scheint hier ein besonders
großes Waldstück zu sein.

STEFAN
Sieht so aus. Los, da lang!

Stefan und Sara schlagen einen Haken, verschwinden in eine
dichte Tannenschonung.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG
Die Morgensonne scheint durch die Wipfel in den nebligen
Wald.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG
Als sei der Teufel hinter ihnen her, kommen Stefan und Sara
aus dem Dickicht geprescht.
Sie schöpfen Hoffnung, als sich vor ihnen ein Forstweg
auftut.

SARA
Schau mal da!

STEFAN
Das ist doch dieser Forstweg von
gestern. Hier sind wir doch
vorbeigekommen. Ja, genau. Jetzt
fällt es mir wieder ein.

SARA
Ich weiß nicht. Sieht für mich
irgendwie alles gleich aus hier.

STEFAN
Ich bin mir ziemlich sicher. Los,
schnell, wir müssen nach links.

Stefan und Sara laufen den Forstweg hinunter.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG
Stefan und Sara hetzen den Forstweg entlang. Stefan deutet
nach vorne.

STEFAN
(zeigt in Richtungen)
Da hinten rechts runter war der
Wald, wo wir die Bäume mit den
Nägeln versehen haben. Dann sind’s
nur noch paar hundert Meter in die
Richtung bis zur Waldlichtung. Wo
wir hergekommen sind.

Sara verspürt etwas und dreht sich nach hinten um. Vor
Entsetzen reißt sie Augen und Mund weit auf.

SARA
Das kann einfach nicht sein!

STEFAN
Was kann nicht sein?!

SARA
Er war es. Reimund. Ich hab’ ihn
gerade gesehen. Er lebt noch und
folgt uns!

STEFAN
Wie bitte?!

Stefan kommt ins Straucheln, als er sich umsehen will. Er
stürzt zu Boden, genau mit dem rechten Knie in eins ihrer
Nagelbretter.
Stefan schreit wie am Spieß und windet sich vor Schmerzen.
Die Nägel haben sich tief ins Knie gebohrt.

STEFAN (CONT’D)
Mein Bein, mein Bein! Ahhh!!!

Sara weiß nicht, was sie tun soll.

SARA
Was, was, ... soll ich es
herausziehen?

STEFAN
Ja, los, versuch’ es!

SARA
Nicht bewegen.

Sara berührt das Brett. Stefan schreit schmerzvoll auf.

STEFAN
Mach’ schon! Ahhr! Nein. Hör’
auf! Lass es! Nicht!

SARA
Bist Du Dir sicher?

STEFAN
Ja.

Sara beugt sich zu Stefan hinunter, versucht ihn aufzuhelfen.

SARA
Du musst aber versuchen
aufzustehen, wir müssen weiter.
Versuch’ es. Bitte!

Stefan gelingt es nicht, sich zu erheben.

STEFAN
Ich, ich kann nicht. Es geht
einfach nicht. Du musst
weitergehen! Hol’ Hilfe, Sara.
Los!

Auf einmal schreit ein Eichelhäher seinen rätschenden WARNRUF
durch die Bäume. Es wird für einen Augenblick still im Wald.
Stefan und Sara schauen ängstlich auf. Dann ein KNACKEN im
Unterholz. Reimund nähert sich.

SARA
Da ist er. Was soll ich jetzt
machen?

STEFAN
Hau ab, Sara! Schnell! Du, ...
ihr müsst es schaffen. Na los!
Verschwinde hier! Los!

Sara gibt Fersengeld. Stefan blickt ihr besorgt hinterher.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Sara läuft, so schnell sie nur kann. Ihre Flucht geht über
Stock und Stein. Zweige schlagen ihr ins Gesicht, als sie
sich durchs Gestrüpp kämpft.
Sie stolpert und rappelt sich wieder auf.
NAH
Furcht und Panik auf ihrem Gesicht.

Sara schaut sich orientierungslos um. Der Verzweiflung nahe,
läuft sie weiter.

AUSS. WALD/FORSTWEG - TAG

Stefans Augen weiten sich vor Entsetzen. Er kann weder
kriechen noch aufstehen. Er kann nur mit ansehen, wie
Reimund näher kommt - bis er schließlich vor ihm steht.
Reimund hält in seiner Rechten eine Saufeder (ein Spieß, eine
kurze Lanze).
Er pfeift das Lied “AUF, AUF ZUM FRÖHLICHEN JAGEN”.
Der letzte Funke Hoffnung erlischt in Stefan.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Knirschende Schritte im Unterholz. Sara tritt zwischen
Büschen hervor. Das KNACKEN eines Astes hinter ihr lässt sie
herumwirbeln. Reimund ist ihr dicht auf den Fersen. Panisch
läuft Sara weiter.
AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Rasch und sicher bewegt sich Reimund durchs Gelände.
DETAILS seiner Beine, seiner Schuhe ...

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG
NAH
Bluttropfen auf dem Waldboden.

AUSS. WALD/WALDSTÜCK - TAG

Da scheint Rettung zu nahen ... In der Ferne erblickt Sara
MANUELA, 26, JOGGERIN, sportliche Figur, Jogginganzug,
Laufschuhe. Ihr Anblick lässt sie Hoffnung schöpfen.
LAUTHALS ruft Sara um Hilfe und läuft winkend in ihre
Richtung. Doch plötzlich tritt Reimund aus den Büschen,
durchbohrt sie mit der Saufeder.
Manuela hat noch aus dem Augenwinkel eine Bewegung von Sara
registriert. Sie stoppt ihren Lauf und zieht ihre Ohrhörer
des MP3-Players aus den Ohren. Misstrauisch blickt sie in
die Richtung. LAUTE MUSIK ist aus den Ohrhörern zu hören.
Manuela stellt den MP3-Player aus.
Neugierig geworden, verlässt Manuela den Weg und geht ins
Waldstück hinein.

Nach einigen Metern steht überraschend Reimund vor ihr, wie
ein Geist. Erschrocken zuckt Manuela zusammen.
Zuerst sieht es so aus, als wolle Reimund sie auch ermorden.
Doch sein Gesichtsausdruck wechselt schlagartig von teuflisch
in freundlich.
Hinter Reimund, von Tannen verdeckt, liegt der Körper von
Sara. Reimund steht mit der Stichverletzung abgewandt vor
Manuela.
Reimunds Jägertracht, vor allem sein selbstbewustes und
selbstsicheres Auftreten machen Eindruck bei Manuela.

REIMUND
Bitte bleiben Sie zu Ihrer eigenen
Sicherheit auf den Wegen. Die
Zecke, im Volksmund auch gemeiner
Holzbock genannt, ist in diesem
Jahr besonders zahlreich. Sie ist
Überträger gefährlicher
Krankheiten, wie Frühsommer-
Meningoenzephalitis und Lyme-
Berreliose sowie Ehrlichiose und
Babesiose.

Das ruft bei Manuela Ekel hervor, an sich hinab zu schauen;
mit den Händen über den Jogginganzug zu streichen, als
krabbelten da schon kleine Blutsauger.

MANUELA
Verstehe. Danke für den Hinweis.

REIMUND
Nichts zu danken. Das hab’ ich
doch gerne gemacht.

Alle Bedenken bei Manuela sind zerstreut. Sie geht zurück
zum Weg. Reimund dreht sich ein Stück um. Er hat ein
selbstzufriedenes Lächeln auf dem Gesicht

AUSS. AUSSENBEZIRK/GRUNDSTÜCK - TAG
Ein kleines Bauernhaus harmonisch eingebettet in eine
Parklandschaft.

 INN. KELLER/RAUM - TAG
Betonboden, Betondecke, Wände aus weißem Kalksandstein.
Mehrere blaue verschlossene Kunststofftonnen ruhen, mit
Blutklecksen verziert.
INSERT: Lena und Markus gefesselt an Pfählen. Sie sehen übel
zugerichtet aus, im Todeskampf windend. Schließlich sinken
ihre Köpfe kraftlos nach vorne.

Aus einem Nebenraum dringt eine ausgeprägte GERÄUSCHKULISSE.

INN. KELLER/SCHLACHTRAUM - TAG

Gefliester Boden und geflieste Wände.
NAH
Blut rinnt in einen Abfluss.
Auf einem Zerlegetisch blutverschmierte Messer, ein
Fleischerbeil, eine Knochensäge - und blutverschmierte
Körperteile. Tätowierungen verraten, dass sie zu Markus und
Lena gehören.
Daneben auf einer Arbeitsplatte: Ein brodelnder Kessel und
ein Fleisch-Kutter, der RATTERT und RUMPELT.
Rückansicht von Reimund. Die Bewegung der Schultern
verraten, dass er mit etwas hantiert.
Reimund, Metzgerschürze, Gummistiefel, Stechschutz-
Handschuhe, steht an einem summenden FLEISCHWOLF.
NAH
Schweiß perlt auf seiner Stirn.
Mit einem Stößel presst er einen Fleischklumpen in den
Einfülltrichter.
NAH
Aus der Lochscheibe des Fleischwolfs tritt eine Fleischmasse
aus, und fällt hinunter in eine Jagdwanne/Wildwanne.

INN. KELLER/WASCHRAUM - TAG

Versiffter Waschraum mit noch versifftere Toilette.
Abfallsäcke voll mit Pullovern, Hosen, T-Shirts, Schuhen,
Unterhemden und Unterhosen stapeln sich in den Ecken.
Dazwischen ein zur Hälfte gefüllter Karton mit älteren und
neueren Handys/Smartphones, zusammen mit den entnommenen
Akkus und Sim-Karten. Saras und Markus’ Smartphones sind
auch darunter.
Reimund steht am Waschbecken, wäscht sich die Hände.
Als er sich die Hände am Handtuch abgetrochnet hat, blickt er
in den Spiegel. Ein selbstgefälliges Grinsen tritt auf sein
Gesicht.

AUSS. WALD/NEBELIGES WALDSTÜCK - TAG

In der Früh. Der Geländewagen von Reimund steht auf einem
Forstweg.
Auf einmal Knirschende SCHRITTE.
Aus dem Unterholz kommt Reimund gestapft, unterm Arm eine
leere Wildwanne.
Als er den Behälter im Kofferraum verstaut hat, fährt er
davon.
NAH
Aufkleber-Schriftzug “NIMROD” prangt an der Heckklappe.

AUSS. WALD/KIRRUNG (FUTTERSTELLE) - TAG

Eine kahle, kreisförmige STELLE umgeben von dichtem
Unterholz. Im Zentrum ein Haufen HACKFLEISCH.
Überall Spuren, Kot, Löcher und aufgewühlte Erde.
Irgendwelche Tiere scheinen sich hier öfters aufzuhalten.
Plötzlich ...
SCHWEINE-GRUNZEN und -QUIEKEN. Eine Rotte Wildschweine
nähert sich hörbar.
NAH
Die sich schnell bewegenden Beine der haarigen Borstentiere.

INN. HAUS VON SARAS ELTERN/KÜCHE - TAG

Blubbernde Kaffeemaschine auf Anrichte.

INN. HAUS VON SARAS ELTERN/WOHNZIMMER - TAG

Familienfotos. Fotos von Sara als Baby, bei der Einschulung,
als Teenager usw..

 INN. HAUS VON SARAS ELTERN/ESSZIMMER - TAG

NAH
Ein SMARTPHONE auf einer Tischplatte.
JEMAND tritt heran, nimmt es in die Hand und schaltet es ein.
An den Händen erkennt man, dass es eine Frau ist.
SMARTPHONE
Startbildschirm; Bootvorgang.

AUSS. WALD/KIRRUNG (FUTTERSTELLE) - TAG

QUIEKEN und GRUNZEN.
NAH
Die schmatzenden Mäuler der Wildschweine beim Fressen des
Hackfleisches.
Wildschweinrüssel wühlen und graben im Waldboden.

INN. HAUS VON SARAS ELTERN/ESSZIMMER - TAG

NAH
Smartphone. Roter Kreis mit einer “1” darin. Eine ungelesene
Nachricht.
Saras MUTTER, UTE, 47, tippt auf Mail-APP/Mitteilungssymbol.
Dann auf Nachricht Sara.
NAH
Hallo Mama, ich hoffe, Dir und Papa geht es gut. Ich weiß, es
ist lange her, dass ich was von mir hören lassen hab. Wenn
ich ehrlich bin, schäme ich mich dafür, dass ich mich erst
jetzt bei euch melde. Jedenfalls wollte ich euch wissen
lassen, dass ich in nächster Zeit vorbeikomme. Wir müssen was
besprechen.
PS: Es gibt auch eine frohe Botschaft :-)
Grüße, Sara.

UTE
(erfreut, glücklich)
Jürgen? Jürgen, Sara hat sich
gemeldet! Sie hat uns eine SMS
geschickt.

Saras VATER, JÜRGEN, 48, kommt hinzu.

JÜRGEN
Endlich. Und, was schreibt sie?

AUSS. WALD/WALDLICHTUNG - TAG

Die Lichtung ist so, wie sie zuvor war. Nichts deutet
daraufhin, dass hier jemand gecampt hat.

AUSS. AUSSENBEZIRK/DRAUßEN VOR DER STADT - TAG

Ländliche Gegend mit Wiesen und Feldern. Blick in die Ferne
auf die Skyline der Stadt.

AUSS. STADT/PARK - TAG
Ein junger MANN fläzt sich auf einer Parkbank, auf den Knien
ein TABLET-PC.
YAHOO, Nachrichten auf dem Schirm.
Als er mit dem Zeigefinger langsam über den Touchscreen
wischt, rückt ein FOTO von einem Waldgebiet und eine
Überschrift ins Bild.
NATÜRSCHÜTZER TRIUMPHIEREN. GERICHT STOPPT BAU!
Durch Rodung würden hochwertige Waldbestände und Lebensräume
für seltene Tierarten wie die Mopsfledermaus für immer
zerstört.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - TAG (ABSPANNSZENE)

Die beiden GEOCATCHER BASTIAN (18) und Hendrik (18) kämpfen
sich durchs dichte Unterholz. Bastian schaut kurz auf sein
Smartphone. Darauf eine Anwendungssoftware (Geocatching-
App).

BASTIAN
(euphorisch)
Wir sind gleich da. Paar Meter
noch.


HENDRIK
Alter, ist das ein Gestrüpp hier.
Sie erreichen ihr Ziel.

BASTIAN
Hier müsste es sein. Mal schauen.

Ein kleiner Reisighaufen. Bastian beginnt, ihn abzutragen.

AUSS. AUSSENBEZIRK/WALD - TAG (ABSPANNSZENE)

Bastian kniet grinsend neben einem Geocache-Behälter, eine
Daumen-Hoch-Geste vollführend.
Hendrik hat eine KAMERA (oder Smartphone) auf ihn gerichtet,
blickt aufs Display.

BASTIAN
Yea. Das sollte als Beweis
reichen.


HENDRIK
Ist im Kasten.
BASTIAN
Lass uns das Ding noch eben schnell
zudecken.

Plötzlich ein RASCHELN. Hendrik schwenkt zur Seite.
Reimund kommt aus dem Gebüsch, blickt in die Kamera. Ein
verschmitztes Lächeln auf den Lippen.

REIMUND
Hallo, Jungs!
ABBLENDE.

ENDE


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